Schumanns Schweizerreise 1829

Bern, den 31. August 1829

An seine Mutter

Portrait seiner Mutter

Bern, den 31. August 1829

Mein Brief aus Basel wird in Zwickau angekommen sein; hing da der Himmel meines Herzens schon voll Geigen, so bin ich jetzt vollends in allen 99. Das Dichterauge ist das schönste und reichste; ich nehme nicht die Objekte, wie sie sind, sondern eben, wie ich sie subjektiv in mir auffasse und so lebt man leichter und freier; z. B ich habe seit vier Tagen hundeschlechtes Wetter gehabt und der Himmel verhüllte mir seine Alpen und seine Gletscher recht bitter und zürnend – je beschränkter die Welt von aussen ist, desto grösser wächst sie durch die Phantasie im Innern, und so malt’ ich mir denn alle verfinsterten Alpen vielleicht schöner und höher aus.  Freilich wär’ es auf diese Art besser, wenn man in seiner Stube sitzen bliebe, die Nase in das Buch steckte und Alpen, Alpen sein liess; doch schreckt mich diese Antwort nicht, da auf meine Duplik dann der Reiz der Entfernung und der Gegenwart auf alten klassischen Bergen ist und dies Gefühl schon hundert andere poetisch erregt, das Praktische und Massive des Reisens gar nicht eingerechnet.

Nach dieser etwas gelehrten Abhandlung will ich in kurzen Hogarthisch—Tizianischen Strichen meinen Brief aus Basel fortsetzen. Das Wetter war am Morgen rein und gut – die Engländer, mit denen ich fuhr, konnten wenig begreifen, warum ich den wenig bequemen Sitz auf dem Kutscherbock wählte. – Du wirst es begreifen: mit einer jungen trauernden Wittwe aus Havre de Grace wechselte ich einige fliegende Worte vom Bock in den Wagen hinein, die mit fliegenden, wenig trauernden Blicken erwidert wurden. Du siehst, ich bin offen, wie ein Kind. Von der Fülle und der Anmuth der Triften und Wiesen kann ich Dir wenig Anschauliches geben; der Rhein zog mit mir fort, und auf der anderen Seite grüne, kräftige, liebliche Berge, wie die Alpen hier überhaupt noch lächelnde Kinder waren, während sie jetzt zu lächelnden Greisen angewachsen sind. In Baden, einem Bade, nicht in Baden-Baden in Baden übernachtete ich; das muntere Leben in Bädern fand ich auch hier wieder; ich traf viele Deutsche – übrigens ein sehr seltener Fall – es kam Musik und natürlich wurde – getanzt. Die trauernde Wittwe flog, als lebte wirklich ihr Mann noch. - - - - - Von Zürich ging ich zu Fuss über den Albis nach Zug. Ich wünschte Du nähmest bei allen meinen Berichten eine Karte zur Hand, damit Du mir gleichsam nachreisen könntest. Diese Fusswanderung war herrlich, und wegen der ewigen, schönen Abwechslung nicht ermüdend; ich wandelte allein die Strasse fort, das Ränzchen auf meinem Buckel, schwang meinen Alpenstock in die Alpenlüfte, blieb alle Minuten stehen und kehrte mich um, um mir alle herrlichen Schweizerparadiese recht fest einzuprägen. Der Mensch ist nicht so unglücklich wie er denkt; er hat sein Herz, das sein schönstes Echo in der Natur findet. Wie eine Gazelle hüpft’ ich den Albis herab, und wie alle die Riesen, die laub- und eisbedeckten, und die Seen mit den dunkelgrünen Pfauenflügeln sich erhoben, und Herden an den Bergen hüpften, und Dorf- und Herdenglocken von den Bergen herabtönten, da ward ich recht still und stumm und zog nur langsam fort, die Augen an die Berge geheftet.

O! Erlass mir die Beschreibung für jetzt, wie ich auf den Rigi sprang, und wie ich meilenhoch über der Erde stand und wie die Sonne sank und wie ich sie wieder steigen sah und wie die fremdesten Menschen so traulich, wie Geschwister, neben einander standen und wie ich selbst einer schönen Engländerin schöne Blicke abgewann und wie die ganze Schweiz vor mir ruhte, still und gross wie ihre Vorzeit.

Fahre jetzt mit mir über ein Dutzend von lachenden Seen und steig’ mit mir die Berge hinan, nach Sarnen, dem Vierwaldstätter See, Luzern, dem Sarner See, Brienz, dem Giesbach, Interlaken, Thun und setz Dich neben mir jetzt her nach Bern und lass Dir die Hand drücken und dem Vater danken, der seine Söhne glücklich machen konnte. Nach drei tagen schändlichen Wetters schlug jetzt der Himmel wieder das schlummernde, blaue Auge auf und zeigte mir wieder die fernen Berge. Wie schön ist Bern! Die schönste Stadt der Schweiz, wenn nicht noch mehr. –

Umgekehrt von der optischen Welt, so wird in der Ferne der Vergangenheit und Erinnerung Alles sicherer, klarer, fester; der Enthusiasmus wird feurige, heitre, griechische Ruhe und das Malen reiner, besonnener, Göthischer. Drum zittre vor der späteren Beschreibung, durch deren Wortlabyrinthe Du Dich noch durcharbeiten musst.

Morgen will ich von hier fort über die Gemmi nach dem Lago maggiore; in fünf bis sechs Tagen hoff’ ich in Mailand zu sein. Wenn ich dem zarten Gedanken treu bleibe, so soll jeder meiner Verwandten einen Brief von der Reise bekommen; die an Dich und Eduard sind fertig; die nächste soll vom Lago maggiore an Julius, der vierte von Mailand an Emilie, der fünfte von Verona an Theres’n, der sechste von Venedig an Rosalie’n, der siebente von Innsbruck an Karl gerichtet werden.

Die Engländer laufen wie tolle Ameisen die Berge hinan; es sind gute, sanfte Leute und Gott weiss, warum sie in Deutschland so entsetzlich grob behandelt werden, da sie ihren Aufenthalt theuer genug bezahlen müssen. Das Verhältnis der reisenden Engländer zu Anderen ist in der Schweiz wie 1 zu 8.

So ökonomisch ich mich einrichte, so brauch’ ich doch jeden Tag 4 bis 5 Thaler, an manchen 5-6. Die Fuhren sind furchtbar theuer: so sollt’ ich von Basel nach Schaffhausen (14 Stunden weit) 14 Thaler geben!! In Italien hoff’ ich mit 2 Thaler täglich auszukommen.

Du wirst genug haben, meine gute Mutter und ich schliesse, da es eben vier Uhr schlägt und der Kellner zur table d’hôte läutet. Es wird mir schwer, bis vier Uhr hungern zu müssen.

Grüsse Alle tausend Mal und sage Allen, dass trotz aller Alpen, mein liebes Zwickau doch mein liebes, theures Zwickau bleibt. Warum liebt der Mensch in der Ferne wärmer und mehr? Lebe wohl, gute Mutter und verzeihe meinen Schmieranzel; und verschüttet mich eine Lawine oder stürz’ ich in eine Alpe oder vom Blitze. So beweine mich nicht; denn ich stürbe schön und grösser und frischer, als auf dem Krankenbette.

Ich küsse Dich und bin ewig bei Euch

Dein Sohn Robert


 

An seine Schwägerin Rosalie Schumann in Schneeberg

Schwaegerin

Mailand, den 5. Oktober 1829

So verfährt das Geschick mit den Menschen, meine geliebte Rosalie! Schon vor acht Tagen wollt’ ich und sollt’ ich in Innsbruck sein und da kleb’ ich zum zweitenmal in Mailand fest. Viel zu schreiben, ist mir heute unmöglich, aus dem einzigen Grunde, weil ich wenig Lust spüre, Dich und mich zu langweilen. Drum kurz und bündig meine ganze Leidensgeschichte in sieben Kapiteln, von meinem Befinden in Venedig an bis heute. Mein Brief an Emilien von Venedig wird hoffentlich in Euren Händen sein. Also: - 

Erstes Kapitel der Leidensgeschichte,
Ein schöner Abend rief mich ans Meer hinaus, ich nahm eine venezianische Gondel, fuhr weit, weit hinaus – Gott weiss, ich war schon so viel gefahren; aber ich bekam auf der Rückkehr Anfälle von Seekrankheit.

Zweites Kapitel, bestehend aus
Bauchschmerzen, Magendrücken, Kopfweh-Erbrechen, Diarrhöe, Übelbefinden, - ein lebendiger nagender Tod, - 

Drittes. Aus Angst nahm ich einen Arzt, der mich wirklich in so vieler Zeit kurierte, in der ich mir selbst geholfen hätte, nämlich in drei Tagen. Dafür verlangte er aber auch einen Napoleon d’or, den ich ihm gutmüthig gab.

Viertes.
Nach näherer Untersuchung des Geldbeutels fand es sich, dass es, obgleich nach meinem alten System Alles möglich ist, in diesem Falle unmöglich war, nach Deutschland zurückzukommen. Ich beschloss daher etwas Anderes: was erst im sechsten Kapitel kommt.

Portrait seiner Mutter

Fünftes.
Mitten in dieser Geldbeutel- und anderer Verlegenheit, traf mich eine schändliche Prellerei, wo ich diesmal den Geprellten spielen musste. Ein Kaufmann, mit dem ich von Brescia aus gereist war, ging mir durch die Lappen mit einem Napoleond’or, so dass noch kaum genug übrig blieb, meine Wohnung in Venedig zu bezahlen.

Sechstes.
Tragischer Kampf des Guten und Bösen in mir – ob ich nämlich die Uhr, die mir einmal die Mutter geschenkt hatte, verkaufen soll oder nicht. Der gute Genius erwacht in mir, und ich mache lieber eine Reise von dreissig Meilen noch einmal, um dies nicht zu thun.

Siebtes und letztes Kapitel
Nun sitz ich mit traurigem, phlegmatischen Gesicht auf der Eilpost in eine Ecke geknutscht und denke daran, wie glücklich doch die Studenten sind, die jetzt – bei ihren Schwägerinnen sitzen. – Es war eine fatale Laune, ein Anfall von Heimweh. Dann dacht’ ich mir Zwickau so hübsch, wenn es so am Abend von der Sonne getragen einstirbt und die Menschen auf Bänken vor den Häusern sitzen und die Kinder spielen oder im fliessenden Bergwasser herumwaten, wie ich sonst – und so Mehreres. - - - 

Dies, meine geliebte Rosalie, sind die Annehmlichkeiten des Reisens in Italien. Wie wohl es mir war als ich in Mailand im Reichmann’schen Hotel wieder einmal deutsch reden hörte, kannst Du glauben. Meine erste Bitte in Mailand war die um Geld bei Reichmann, der mir es bei meinem ersten Hiersein schon angeboten hatte; - ohne meinen oder nach meinen Familienumständen zu fragen, gab er mir 16 Napoleond’ors, ohne alle Interessen etc. – Das ist doch wieder einmal ein guter Deutscher.

So hast Du denn, geliebte Schumann’sche Familie, auf einer Seite alle meine Leiden beschrieben, vor denen Euch Gott bewahren möge; habe aber, liebe Familie, nunmehr nichts weniger als Besorgnis um Deinen gedrückten Verwandten, obgleich er noch verdammte Berge zu ersteigen hat, ehe er sein Deutschland wieder sieht.

Du aber, geliebte Rosalie, glaube mir, dass ich so gern wieder zu Euch und nach Sachsen möchte, als nach Heidelberg - - Die Italienerinnen sind schön; nichts desto weniger sind es auch andre, z.B. die bewusste in Schneeberg, die Du gar fein grüssen magst. –

Den nächsten Brief erhält Carl aus Deutschland.

Küsse Deinen kleinen Goldengel und schicke diesen Brief der Mutter nach Zwickau, dass sie sich nicht um ihr kleines Nesthäkchen kümmert. Ich grüsse Alle und Dich mit meiner alten, treuen Herzigkeit und Innigkeit.

Dein Robert S.

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