Schöngesang mit Gefahren

Neue Zürcher Zeitung 03.07.2007, Nr. 151, S. 42
Feuilleton
Thomas Baltensweiler


Unter den gegenwärtigen Liedinterpreten dürfte Thomas Quasthoff einer derjenigen sein, die am ehesten so etwas wie Breitenwirkung erzielen - eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, wie sehr das Lied eine intime Kunstform darstellt. So war denn das Opernhaus bei seiner Liedmatinee am Sonntag trotz herrlichem Sommerwetter gut besetzt (einzig im Parkett blieben, wohl aufgrund der Preise, die bis 169 Franken betrugen, viele Plätze leer). Auf dem Programm standen - im Einklang mit dem Schwerpunkt der diesjährigen Zürcher Festspiele - Lieder von Robert Schumann: die «Dichterliebe», der «Arme Peter», die Ballade «Belsazar» und der «Liederkreis» op. 24.

Woran mag es liegen, dass Quasthoffs Singen so viele Menschen anspricht? Zunächst dürfte es damit zu tun haben, dass sein Bariton einfach schön klingt: satt und dunkel die Grundfarbe, die dank ausgeprägter Resonanz gegen Düsternis und Schwere gefeit ist, hervorragend die Rundung und gross die Wärme, wobei die Tongebung nie wattig-undefiniert wirkt. Das alles war erneut zu erleben. Es kommt wohl freilich noch anderes hinzu, womit Quasthoff die Ohren (und Herzen) seines Publikums zu gewinnen versteht. Sein sängerischer Habitus vermittelt eminenten Kunst-Ernst und ist zugleich - wie das Spiel des Pianisten Justus Zeyen - unverkennbar am Wohllaut orientiert. Damit verbunden sind freilich, wie sich zeigte, auch Begrenzungen, was die ausdrucksmässige Spannweite seines Vortrags betrifft.

Die ironischen Aspekte vieler Lieder etwa wurden von Quasthoff nur ansatzweise erschlossen - im Vordergrund stand, selbst wenn Quasthoff mit einer mustergültigen Diktion aufwartete, immer wieder der Schöngesang. Dieser konnte zwar durchaus beeindrucken, auch berühren, zum Beispiel als Quasthoff den Schluss von «Am leuchtenden Sommermorgen» mit Linien im Piano zeichnete, die mit hervorragendem Legato gebunden waren und gleichzeitig vor Resonanz förmlich zu bersten schienen. Andrerseits aber barg die einheitliche Ausrichtung auf den ebenmässigen Ton auch Gefahren in sich; die Lieder in den Zyklen wurden nicht so deutlich voneinander abgegrenzt, wie das möglich gewesen wäre. Vor allem aber liess das Streben nach Schönklang jene Momente besonders auffallen, die doch nicht perfekt gelangen - wenn der Ton in der Höhe spröder wurde oder schwingungsarm, gleichsam «geschoben» wirkte.


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