Schumanns treueste Heldin

Rheinische Post Nr. 116 vom 20.05.2008, Kultur
Von Wolfram Goertz


[Als „Schumanns treueste Heldin“ sieht Wolfram Goertz nicht – wie man angesichts seiner Besprechung des neuen Schumannfilmes „geliebte Clara“, erstmals vorgestellt in einer ersten Preview (DVD  über Beamer)  beim Schumannfest in Düsseldorf vermuten könnte - Clara Schumann, sondern – angesichts Ihre langjährigen Bemühungen, die oft genug aussichtslos schienen, die Regisseurin Helma Sanders Brahms:]

Schumanns treueste Heldin Helma Sanders-Brahms beleuchtet in ihrem neuen Film "Clara" die Düsseldorfer Jahre der Musikerfamilie Robert und Clara Schumann und beider Verhältnis zu Johannes Brahms. Grandios ist die psychologische Gestaltung der Figuren - vor allem von Martina Gedeck in der Titelrolle. Von Wolfram Goertz Düsseldorf Die deutsche Regisseurin Helma Sanders-Brahms hat das historische Künstlerpersonal ihrer Filme mit bemerkenswerter Konsequenz erweitert. "Heinrich" (1977) galt Heinrich von Kleist allein, "Mein Herz! Niemandem!" (1997) drang zum Verhältnis von Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn vor, "Clara" umgreift jetzt die Dreierbeziehung zwischen Clara Schumann, Robert Schumann und Johannes Brahms. Für rheinische Musikfreunde besteht erhöhte Sehpflicht, das Opus spielt über große Teile in Düsseldorf, und es gilt der traurigsten Etappe einer Künstlerehe und deren ungehemmter Belagerung durch den jungen Brahms. Sanders-Brahms ist - dieser Eindruck war in der Preview des Films beim Düsseldorfer Schumannfest in der Tonhalle jederzeit spürbar - das Meisterstück gelungen, musikwissenschaftliche Gründlichkeit und phantasievolle Erzählerkraft fabelhaft zu vermählen.

Vor allem bietet sie Darsteller auf, die ihre Rollen mehr als nur abliefern. Sie tauchen in ihnen zur Kenntlichkeit auf wie aus dem tiefen Grund vager Zeitzeugnisse und legendenhafter Undeutlichkeit. Pascal Greggory gibt den von Syphilis und Gemütskrankheit zunehmend umschwindelten Schumann, der an seinen Anfällen und Halluzinationen sowie an seiner Eifersucht schier erstickt. Malik Zidi ist der jungenhafte, frivole, ungestüme Brahms (in dem der kranke Schumann sich gewiss brüderlich wiedererkannte). Vor allem ist Martina Gedeck in der Titelpartie eine grandios gebrochene, doch jedermann herum unerschütterlich animierende, aufbauende, bestärkende Zentralfigur. Nie ist diese Clara matronenhaft steif, immer ist sie verständnisvoll, resolut und weise, immer Mädchen, Geliebte und Frau in einem. Einmal dirigiert sie das launenhafte Düsseldorfer Orchester, weil der kranke und fortwährend alkoholisierte Robert dazu außerstande ist; eigentlich dirigiert sie auch beider Leben, leitet das Leben und befeuert die Kunst. Sie ist der Magnet, der anzieht und auf Abstand hält; und als Pianistin ist sie selbst eine Kapazität am Klavier. Man sieht es und ist fassungslos, wie Gedeck jedwede Akrobatik am Klavier mit manueller Verve perfekt fingiert.

Langeweile im Sinne einer verfilmten historischen Etappe herrscht in diesem großartigen Werk keine Sekunde. Bei Schumanns daheim geht es räumlich und seelisch treppauf und treppab, kreuz und quer. Die Kinder mehren sich ebenso wie die Sorgen. Schumann zieht es einsamkeitssüchtig immerzu ans Klavier, um zu komponieren, Clara hingegen zieht es ans Klavier, weil sie dort ihre Seele in großen Akkorden ausgießen und Musik zum Leben erwecken kann. Für Schumann und ihre Liebe hat sie ihre Karriere geopfert, jetzt ist sie nur mehr die treue, aber machtlose Managerin des Verfalls.

Zu Brahms besitzt sie eine gleichsam gefrorene, keusche Sehnsucht, er ist ihr das Kind und der Gefährte - und was sie für Brahms sonst noch war, das deutet der Film nur einmal an, wenn nach Schumanns Tod Clara und Johannes in einem Liebestodleidakt halbnackt im Bett liegen und es allenfalls zu abstrakten Berührungen kommt. Es ist in diesem Moment Ausdruck filmischer Größe, dass die Andeutung weitaus stärker wirkt als jeder billige handgreifliche Realismus.

Zwölf Jahre hat Helma Sanders-Brahms, die mit Brahms tatsächlich verwandt ist, in diesen Film investiert, es gibt zahllose Schnittfassungen. Die jetzige Version ist eine 100 Minuten umfassende Verdichtung der letzten Jahre vor Schumanns Tod. Trotzdem ist dieses Konzentrat dreier Leben erhellend musikalisch komponiert, man merkt es an jenen Momenten aus Schumanns innerem Erleben, wenn Stimmen und Töne in seinem Kopf schier aquarellhaft ineinander fließen; es ist Ausdruck der progressiven Paralyse des Gehirns, wie er für das finale Stadium der Neuro-Syphilis typisch ist. Die Ehrfurcht vor der Musik ließ die Regisseurin - das ist ungewöhnlich - von schnellen Schnitten absehen. Sanders-Brahms lässt die Kamera manchmal minutenlang auf einem Gesicht verweilen, ganz nah, ohne Um- oder Zwischenschnitt, und was diese Gesichter an emotionaler Expressivität besagen und bezeugen, das spricht für die tiefe Verwandtschaft von Künstlern, die in einem Kardinalmoment ihres Daseins füreinander einstehen - und es spricht für die leidenschaftliche Arbeit einer Regisseurin, die es nicht mit formalisierter Mimik bewenden lassen wollte.

Natürlich ist der Film nicht frei von bedrohlichen, würgenden Momenten, und die Episoden aus der Bonner Heilanstalt mit ihren erschreckenden medizinischen Anwendungen gehen dem Betrachter wortwörtlich an die Nerven. Aber solche Zumutungen zählen in "Clara" dazu. Man kann die Schumanns nicht ohne den Tod haben. Sanders-Brahms hätte "Clara" gern persönlich in Düsseldorf präsentiert. Daran hat sie plötzlich eine schwere Augenoperation gehindert; immer noch muss sie den Verlust ihrer Sehkraft befürchten. Gott bewahre!

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