Offenherziges "Herzensfrauchen"

Quintett um Martina Gedeck präsentiert Briefe und Lieder von Robert und Clara Schumann in der Glocke
Von Alice Bachmann
BREMEN [Kreiszeitung, 2.2.2007]

Schumann-Abend in der Glocke: Martina Gedeck (l.) mimte Clara, Sebastian Koch (r.) Robert.
Foto: Bahlo

Ob Robert seine Clara damals wohl auch "mein Herzensfrauchen" oder gar "mein Kindchen" genannt hätte, wenn sie ein solch offenherziges Kleid getragen hätte, wie es am Mittwochabend Martina Gedeck in Bremen vorführte?

Mit andächtigem Lauschen und anhaltendem Beifall reagierte die Menge im voll besetzten Großen Saal der Glocke (www.glocke.de) auf Martina Gedecks und Sebastian Kochs Rezitationen sowie Chen Reiss’ und Ivan Paleys Gesang - am Klavier begleitet von Stephan Matthias Lademann. Das Künstler-Quintett trug Briefe des Liebespaares Robert Schumann und Clara Wieck vor und Werke aus Schumanns Liederzyklus "Myrten" - ein Hochzeitsgeschenk an Clara. Anlass für den festlichen Schumann-Abend war ein Geburtstag. Vor zehn Jahren wurde die aufwendig renovierte Glocke wiedereröffnet.

Abgesehen von den herzerfrischenden Kosenamen führten die Brieftexte auch sonst zu Heiterkeit und enthielten manch vorausschauende Bemerkung. Als Witz wurde zum Beispiel Roberts Bitte an seine "Herzensfreundin" aufgefasst, von ihrer Bremen-Reise ein paar gute Zigarren mitzubringen. Offensichtlich als Regieanweisung hatte Bariton Paley, verantwortlich für das künstlerische Gesamtkonzept des Abends, den neckischen Streit über deutliche Aussprache beim Singen aufgefasst. Robert verlangt von Clara, sie möge zur Hochzeit für ihn singen - aber bitte deutlich. Worauf Clara antwortet: Sprichst du wohl so deutlich den Text aus? Paley tat es gewiss: Akzentuiert, manchmal gar pointiert präsentierte er seinen Part. Reiss, für die erkrankte Diana Damrau eingesprungen, sang milde im heftig-grünen Kleid mit klarem, hellem Sopran von grünenden Nussbäumen, von Liebe und Leid.

Demnächst wird Martina Gedeck an der Seite von Matt Damon auf der Leinwand zu sehen sein. Jetzt saß sie durch Klavier, Notenständer und zwei Stühle getrennt neben Koch. Beide sind Profis, die eben nicht nur einfach auf ihren Sesseln sitzen und abwechselnd lesen, sondern ohne erkennbare Anstrengung die Aura von Clara und Robert verbreiten. Gedeck bewegte sich kaum in ihrem tief ausgeschnittenen Kleid und den halsbrecherisch hohen Sandaletten. Allein. wie sie saß und ihren Blick unergründlich geheimnisvoll nach innen richtete, strahlte sie alles gleichzeitig aus: Sehnsucht, Scheu, Sorge und doch unbändige, aber stark gezügelte Vorfreude.

Koch schien sich entrückt dem Gesang hinzugeben, wirkte aber trotzdem rastlos, ungezügelt und herrisch. Eigentlich brauchte er gar nicht mehr solche Dinge zu lesen, wie die Aufforderung an Clara, sich doch bitte nicht wie eine Frau zu benehmen und mit ihm ungeduldig zu sein. Oder die fast schon zynische Erlaubnis an sein "liebes, herziges Weib", sein "altes, treues Bruderherz", auch nach der Hochzeit noch Kontakt zum eigenen Vater zu pflegen, der mit allen Mitteln versuchte, diese Ehe zu verhindern.

Es kam, wie Clara damals an Robert schrieb: Zuerst zeigte das Publikum eine verhaltene Reaktion, um dann warm zu werden und schließlich begeistert zu sein. Die Künstler haben die Hanseaten erobert, was eine echte Leistung ist.

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