Ulrike Kienzle:

Robert und Clara Schumann in Frankfurt

Mäzene, Stifter, Stadtkultur. Schriften der Frankfurter Bürgerstiftung und der Ernst Max von Grunelius-Stiftung.
Hrsg. v. Clemens Greve, Bd. 8
207 S. Verlag der Frankfurter Bürgerstiftung / Waldemar Kramer in der marixverlag GmbH, Frankfurt/Main und Wiesbaden, 2010
ISBN: 978-3-934123-09-0

Zum Ende des Schumann-Jubiläumsjahrs 2010 und mit einem „Überhang“ ins Jahr 2011 (7. November 2010 – 20. Januar 2011) veranstaltete die seit 1956 bestehende Frankfurter Robert-Schumann-Gesellschaft erstmals eine große Aus- stellung, die zu Jahresbeginn von den Mitgliedern des Schumann-Netzwerks be- sucht wurde und allgemein erfreulichen Anklang fand. Das lag nicht zuletzt auch an der reizvollen Lokalität des Holzhausenschlösschens – Sitz der mitveranstaltenden, 1989 gegründeten Frankfurter Bürgerstiftung – im Frankfurter Nordend, das schon 1996 die Clara-Schumann-Ausstellung des StadtMuseums Bonn, des Robert-Schumann-Hauses Zwickau und des Heinrich-Heine-Instituts Düsseldorf beherbergt hatte. Ausstellungen ohne Katalog sind bekanntlich „wie nicht ge- wesen“, und deshalb gebührt den Frankfurtern wie ihren zahlreichen Sponsoren höchstes Lob, dass ein über 200-seitiges, reich illustriertes Begleitbuch – mehr als ein trockener Katalog – erscheinen konnte, das, von der freischaffenden Musikwissenschaftlerin Ulrike Kienzle als Ausstellungs-Kuratorin in vorbildlicher Weise betreut, als Band 8 der Schriftenreihe der Frankfurter Bürgerstiftung und der Ernst Max von Grunelius-Stiftung Mäzene, Stiftung, Stadtkultur durch Clemens Greve herausgegeben wurde.

Das Motto aus einem Schumannbrief: „...mir war es so, als müsst’ ich in einem schönen Traum hier schon einmal gewesen sein...“, gibt eine wunderbare Einstimmung in die liebevoll bebilderte und umfassend recherchierte Publikation. Die Ausstellung selbst und dem entsprechend das Buch gliedert(e) sich in sechs Stationen bzw. thematische Schwerpunkte. Nach mehreren Grußworten und einer instruktiven Einführung der Kuratorin wird jede Station in einem längeren Aufsatz abgehandelt. Die Exponate der Ausstellung sind in Wort und Bild jeweils im oberen Seitenbereich und an den Seitenrändern präsent, ergänzt durch vielfältiges zusätzliches Bildmaterial. Folgende Stationen erleben wir:

1. „Flug durch hunderte von Frühlingshimmeln“
Hier wird der erste Frankfurt-Besuch des knapp 19-jährigen Robert Schumann im Mai 1829 auf Grund von Tagebuchnotizen und Briefstellen beschrieben. Den kurzen Aufenthalt auf dem Weg nach Heidelberg zur Fortsetzung seines juristischen Studiums teilte er mit seinem Reisebegleiter, dem Schriftsteller Wilibald Alexis. Die zeitgenössischen Frankfurter Lokalitäten und Persönlichkeiten werden anschaulich geschildert. Glanzstück der Station ist eine verkleinerte Replik aus vergoldeter Bronze von Johann Heinrich Danneckers berühmter Marmorplastik Ariadne auf dem Panther (1820; heute nach Kriegsbeschädigung und aufwendiger Restaurierung im Liebieghaus zu sehen), die das Bankhaus Delbrück Bethmann Maffei zur Verfügung stellte.

2. Der „Teufelsgeiger“. Das Paganini-Erlebnis
Schumanns biographisch relevantes Schlüsselerlebnis, sein Besuch des Frankfurter Konzerts von Paganini zu Ostern 1830, dem er den letzten Anstoß zum Musikstudium verdankte, steht hier im Mittelpunkt. Der Frankfurt-Aufenthalt des großen Geigers, sein geniales Spiel und seine Kontakte mit ortsansässigen Musikern werden genau beleuchtet, ebenso aber auch Schumanns kompositorisches Echo auf die Werke Paganinis, namentlich die Capricci op. 1. Besonders interessante Exponate sind die kleine Paganini-Karikaturstatuette von Jean Pierre Dantan und das Heidelberger Studentenporträt Schumanns mit dem Abzeichen der Verbindung Saxoborussia aus dem Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf.

3. Clara Wieck – ein „Wunderkind“ in Frankfurt Das Kapitel schildert die ersten Konzertauftritte der jungen Künstlerin in Frankfurt im Alter von 12 Jahren, als sie mit dem Vater Friedrich Wieck auf dem Weg in die französische Metropole Paris war, nachdem sie den greisen Goethe in Weimar besucht und ihm vorgespielt hatte. Behandelt wird auch die erfolgreiche Unterrichtsmethode Wiecks. Porträts, Konzertprogramme und Notendrucke von Claras frühen Kompositionen ergänzen die Darstellung.

4. Frankfurter Konzertpläne (1843–1854) Hier werden erstmals umfassend die Aufführungen Schumann’scher Werke in Frankfurt bis zum Ende seines schöpferischen Wirkens Anfang 1854 sowie einige geplante, aber nicht realisierte Frankfurt-Auftritte behandelt. Inbegriffen sind Schumann’sche Briefzitate und zwei von Peter Cahn veröffentlichte und hier auch im Faksimile dargebotene Briefe von Schumann an den Musikdirektor Franz Messer sowie ein Bericht über das teils kontrovers aufgenommene Gastspiel Clara Schumanns im Herbst 1854.

5. Intermezzo: Clara Schumanns Frankfurter Gastspiele (1856–1878)
Die überaus reiche Konzerttätigkeit der Künstlerin nach Schumanns Tode führte sie wieder des öfteren nach Frankfurt, wo sie hauptsächlich in den Museumskonzerten ein gern gesehener Gast war. Hier werden auch einige persönliche Gegenstände aus dem Besitz Clara Schumanns – eine gestickte Kissenhülle, eine Geldbörse, eine Brosche und ein Witwenschleier, wie ihn Clara zeitlebens als Zeichen des Andenkens an ihren Mann trug – gezeigt. Die Provenienz eines (freilich sehr hübschen) schwarzen Seidenkleids „im Empirestil“ möchte man allerdings ganz leise bezweifeln...

6.Clara Schumann: Die Frankfurter Jahre
Die zweifellos wichtigste Station der Ausstellung und des Buches schildert Clara Schumanns Zeit als gesuchte Lehrerin am Frankfurter Dr. Hoch’schen Konservatorium und ihren Lebensabend, den sie hier nach dem Ende der öffentlichen Auftritte 1891 noch lehrend und im kleineren Kreise vortragend verbrachte. Wie Ulrike Kienzle in der Vorbemerkung meint, hätte man über die gesamte Thematik auch gut und gern ein Buch von 500 Seiten schreiben können, und selbst über die Frankfurter Jahre wäre „noch vieles zu sagen“. Doch wurde hier nach bestem Wissen und Gewissen ein unglaublich reiches Material zusammengetragen, ergänzt durch tabellarische übersichten über die Aufführungen Schumann’scher Orchesterwerke in den Museumskonzerten und Claras Frankfurter Konzertauftritte sowie eine Chronologie, ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister.

Wenn man noch ein besonderes Glanzstück des letzten Kapitels nennen darf, so ist es der Salonflügel der Firma Grotrian Helfferich Schulz Th. Steinweg Nachf. in Braunschweig von 1879, den das dortige Städtische Museum zur Ausstellung beigesteuert hatte – eines der wenigen erhalten gebliebenen Instrumente aus Clara Schumanns Besitz, das in spielfähigem Zustand ist. Es erklang in zwei Konzerten der Pianistin Ragna Schirmer während der Ausstellungsdauer, und seine Historie wurde mündlich sowie im Katalog erläutert durch Julia M. Nauhaus, Kustodin des Braunschweiger Museums.

Die Einbeziehung des Flügels hatte noch ein doppeltes Nachspiel: Während der momentan durch eine Geraer Firma durchgeführten Restaurierung des Flügels stellte sich heraus, dass er aus Palisander-(nicht Mahagoni-)Holz gefertigt, später aber schwarz überlackiert worden ist. Ragna Schirmer „verliebte“ sich während ihrer Auftritte so in den Klang des Instruments, dass sie nicht eher ruhte, bis es ihr gelang, einen annähernd baugleichen historischen Grotrian- Flügel zu erwerben, den sie jetzt gern zu Konzerten einsetzt. Claras Original wird aber ab Juni 2012 wieder in der Schausammlung des dann wiedereröffneten Städtischen Museums Braunschweig präsent sein.

Das Katalogbuch ist zu beziehen über die Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlösschen und kostet 19,90 € zuzüglich 3 € Versandkostenopau- schale. (Informationen siehe: www.frankfurter-buergerstiftung.de)


(Gerd Nauhaus)

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