Schumann-Journal 5/2016

Vgl. S. 242 ff. in Schumann-Journal 5/2016:

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Neue Schumanniana / New Schumanniana

CDs, DVDs*

Ausgewählt/selected von/by
Irmgard Knechtges-Obrecht & Ingrid Bodsch

(English translations by Florian Obrecht (F. O.) or Thomas Henninger (Th. H.))

 

Auszug aus dem PDF:

Robert Schumann: Das Paradies und die Peri

Sally Matthews (Sopran), Mark Padmore (Tenor), Kate Royal (Sopran), Bernarda Fink (Alt), Andrew Staples (Tenor), Florian Boesch (Bariton), London Symphony Chorus, London Symphony Orchestra, Simon Rattle
2 CDs
LSO live, 2015

„British Paradise“
Glühende Schumannianer sehen in „Das Paradies und die Peri“, wie einst der Komponist selbst, nicht nur ein herausragendes, sondern vielleicht sein bestes Werk für Orchester. Das Oratorium, sozusagen ein kompositorisches Amalgam aus den Erfahrungen aus dem Liederjahr 1840 und den Bemühungen um die Sinfonie anno 1841, ist bis heute eine Art Stiefkind im Konzertsall geblieben, auch und gerade für Dirigenten, die ansonsten zumindest die eine oder andere von Schumanns Sinfonien in ihrem Repertoire tragen.
Schumann erteilt in diesem Werk, dem ein selbst (mit Emil Flechisg) übersetztes Libretto nach der literarischen Vorlage von Thomas Moore zugrunde liegt, allen Knalleffekten und sonstigen Nachahmungen der italienischen Oper eine klare Absage. Er folgt, einmal mehr, ganz seinem eigenen stilistischen Gebot. Es ist ein sehr lyrisches Werk, eingebettet in ein Flussbett fortwährender Erzähllust, inhaltlich durchaus bizarr, mit märchenhaften und romantischen Motiven reich befrachtet.
Simon Rattle trägt den Wert dieses Oratoriums offenbar tief in seinem Herzen, denn sowohl in München als auch in Berlin hat er das Werk bereits aufgeführt. Nun folgt es als SACD-Mitschnitt vom Januar 2015 mit dem London Symphony Orchestra – Rattles künftigem Arbeitgeber, wenn die Berlin-Ära passé sein wird. Insofern eine Veröffentlichung mit Symbolwert. Die Konkurrenz an Vergleichseinspielungen ist eher klein, aber erlesen – mit John Eliot Gardiner (2001, Archiv) und Nikolaus Harnoncourt (2005, RCA) an der Spitze, ergänzend seien Giulini, Sawallisch, Jordan, Albrecht und Sinopoli zumindest erwähnt. Außerdem steht zu erwarten, dass Philippe Herreweghe bald mit einer CD-Produktion nachziehen wird, nachdem er das Stück bereits im Konzert aufgeführt hat.
Rattle dirigiert ein waches, hungriges Orchester, das die vielen Umschwünge mühelos nachvollzieht, hier und dort jedoch ein wenig vorsichtig wirkt und das letzte Risiko meidet. Zugespitzte, dramatisierende Akzente findet man in den genannten Alternativ-Aufnahmen wesentlich eher. Rattle setzt überwiegend auf weiche, geschmeidig gezeichnete Linien, zumal er in den zügigen Abschnitten jedwede Extremisierung der Tempi meidet. Es ist eine „very british“ erscheinende Aufnahme, deren interpretatorischer Ansatz auch zu einem Elgar-Oratorium passen würde, distinguiert, linienhaft, gefällig. Doch der letzte Biss und farbliche Anpassungen an die jeweilige Situation innerhalb der erzählten Geschichte bleiben vage. Kaum Silber, wenig Bronze.
Die Solisten sind insgesamt homogen besetzt und singen erfreulich textverständlich. Sally Matthews als Peri kann nicht an die Wort-Ausdruckskraft einer Dorothea Röschmann (bei Harnoncourt) und an die pure vokale Leuchtkraft einer Barbara Bonney (bei Gardiner) heranreichen; die Tatsache, dass Christian Gerhaher (wiederum bei Harnoncourt) in einer eigenen Liga singt, kann auch Florian Boesch als Gazna nicht nachhaltig erschüttern. Mark Padmore gibt mit hell timbriertem „Gentleman Tenor“ einen liedgeschulten Erzähler, und Bernarda Fink singt zwar einen anmutigen Engel, steht aber hier in Konkurrenz zu sich selbst, denn sowohl 2001 als auch 2005 war sie in dieser Rolle bereits zu hören, unter dem Strich noch etwas überzeugender als jetzt unter Rattle.
Der Chor des London Symphony singt zwar achtbar und insgesamt ausgewogen, an vokale Spitzen-Ensembles wie den Monteverdi Choir reicht er jedoch nicht heran. Ob diese Doppel-SACD, die gleichzeitig in einer reinen Audio-Bluray-Version ausgeliefert wird, klanglich optimal umgesetzt wurden, darf angezweifelt werden. Ein – gerade in der Balance von Chor und Orchester – differenzierteres Klangbild wäre vermutlich möglich, zumindest wünschenswert gewesen.
(Christoph Vratz)

After performances in Berlin and Munich, Simon Rattle recorded Schumann’s oratorio Das Paradies und die Peri with his future employer, the London Symphony Orchestra, which was recorded live in January 2015. The recording is reliable and pleasing but partly fails to adapt to the dramatury of this piece. The homogeneous soloist ensemble blends in seamlessly but, overall, the recordings under the direction of Nikolas Harnoncourt and John Eliot Gardiner represent more convincing alternatives. (Summary by C. V., translated by Th. H.)

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