Robert Schumann.

Persönlichkeit, Werk und Wirkung

Bericht über die Konferenz Leipzig 2010
Hrsg. v. Helmut Loos
498 S., Abb., gebundene Ausgabe Leipzig: Gudrun Schröder Verlag, 2011
ISBN: 978-3-926196-57-6

Der vorliegende Band präsentiert die Ergebnisse der Internationalen Musikwissenschaftlichen Konferenz, die im April 2010 an der Universität Leipzig stattfand, und zieht gewissermaßen eine Bilanz des Jubiläumsjahrs 2010 aus der Sicht von führenden Schumann-Forschern. Die Themen der 30 Referate decken ein breit gefächertes Spektrum ab und bringen Schumann als Persönlichkeit, seine Werke sowie deren Wirkung und Rezeption auch dem interessierten Nichtwissenschaftler auf verständliche Weise nahe. Das Vorgehen dabei ist beinahe chronologisch: ausgehend von „Der junge Literat. Schumann als Primaner“ (Gerd Nauhaus), autobiographischen Details in Schumanns früher Musik (Constantin Floros) bis hin zu Schumanns an seinem Lebensende veröffentlichten Gesammelten Schriften, in denen Bodo Bischoff „Das Hässliche und Bizarre“ als „Miszellen zu einer Theorie des ästhetischen Verdikts in seinen Rezensionen“ aufsucht. Die enge Beziehung zwischen Dichtung und Musik (Rufus Hallmark: „Amadeus Wendts Bilder des weiblichen Lebens: Ein Vorbild für Chamissos Frauenliebe und Leben?“) ist für Schumanns Werk ebenso bedeutend, wie Clara Wieck bzw. Schumann (Nancy Reich: „Clara Wieck’s Life Before Her Marriage to Robert Schumann“), was sich in zahlreichen Kompositionen auch in gegenseitiger Bereicherung niederschlägt und besonders ausgeprägt im Liebesfrühling op. 37 ist (Rebecca Grotjahn).

Folke Bohlin beschäftigt die „Musikalische Intertextualität“ einiger Stücke aus dem Jugendalbum Robert Schumanns. Dessen eigenwillige politische Haltung insbesondere im Vormärz beleuchtet Ulrich Tadday („Schumanns Patriotisches Lied im Kontext des deutschen Nationalismus“), seine Einstellung zu antisemitischen Strömungen der Zeit (Jon Finson) und zur Religiösität in jeglicher Couleur (Klaus Wolfgang Niemüller: „Religiöser Byronismus? The Hebrew Melodies von Byron in den Vertonungen von Robert Schumann und Joseph Joachim“, Helmut Loos: „Robert Schumanns kunstreligiöse Sendung“, Arnfried Edler: „Poetische und politische Religiösität bei Schumann“). Von ganz frühen, zum Teil fragmentarisch gebliebenen Kompositionen über das Violoncellokon- zert op. 129 (Rainer Boestfleisch) und die großen Sinfonien (Thomas Synofzik: „Leipziger Frühling – Zur Interpretationsgeschichte von Schumanns Erster Sinfonie“, Wolfram Steinbeck: „Der Autor als Instanz. Selbstreflexive Strukturen in Schumanns Rheinischer Symphonie“) geht es zu den lange Zeit „umstrittenen“ späten Werken, wie dem Violinkonzert (Renata Suchowiejko) und letzten Hinterlassenschaften, wie den so genannten „Geistervariationen“ (Michael Struck: „Abschied in Es. überlegungen zu Robert Schumanns Thema mit Variationen Es-Dur Anh. F39“). Dem breiten Bereich der Poetik, die sich auch in Schuümanns kontrapunktischen Studien findet (Hans-Joachim Köhler), folgen Beiträge, die der übertragung musikdramaturgischer Prinzipien aus der Oper auf die Sinfonik nachgehen (Stefan Keym: „Robert Schumann und die ’per aspera ad astra’-Dramaturgie“).

Die zeitgenössische Verarbeitung Schumann’scher Musik (Peter Andraschke) und deren Rezeption in verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Epochen (Damien Ehrhardt: „Zur Schumann-Rezeption im Frankreich der 1830er Jahre“, Olga Lossewa: „Robert Schumanns Rezeption in Russland um 1900“, Michael Heinemann: „1837: Deleuze’ / Guattaris Schumann“, Luba Kyyanowska und Lydia Melnyk: „Schumann-Rezeption in Lemberg. Vorsowjetische, sowjetische und nicht sowjetische Tendenzen“, Roe-Min Kok: „Schumann im anglophonen Kontext“, Laura Tunbridge: „Schumann als ’the perfect Wagnerite’. Seine Rezeption in England um 1900“) wird ausführlich betrachtet. Neuen Möglichkeiten der Vermittlung durch die Medien Film und Fernsehen sowie deren Problematik geht Beatrix Borchard unter der Frage „Darf man das?
Robert und Clara Schumann als Filmhelden“ nach, während Matthias Wendt den „fröhlichen Schumann“ aufspürt, für den es erstaunlich viele Belegstellen gibt. Gänzlich neue Erkenntnisse zeigten sich hinsichtlich der Originalität Schumanns, die doch stärker als erwartet den Strömungen des Zeitgeistes und weniger vermeintlich politischen Be- kenntnissen unterlag (Kazuko Ozawa) und zu Schumanns Ballade Belsatzar op. 57, deren verschollen geglaubte Stichvorlage jüngst in Privatbesitz auftauchte (Bernhard R. Appel).

Obwohl die Schumann-Forschung ein wirklich florierender Betrieb ist, wie dieser Konferenzbericht eindrucksvoll belegt, bleiben aber auch 200 Jahre nach Schumanns Geburt und über 150 Jahre nach seinem Tod immer noch reichlich Diskussionsstoff, viele nicht aufgearbeitete Themen und Desiderata.



(Irmgard Knechtges-Obrecht)



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