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Robert Schumann

Im Rosental bei Leipzig. Schumann-Florestan geht mit Schumann-Eusebius spazieren

Florestan: Laß uns noch ein wenig weiterwandern, Eusebius! Dort über die Brücke, ins Grüne. Es ist eine entlegene Stelle. Ich verspreche dir, wir werden keiner menschlichen Seele dort begegnen. Ausgenommen einem verdienstvollen Schulmeister oder einem verdienstlosen Musikrezensenten. Und beides sind seelenlose Geschöpfe, aus dem luftigen Paradies der Poesie verstoßene Geister wie die Peri. Erst wenn sie etwas Höheres anerkennen und ihnen anbetend Tränen entstürzen, können sie erlöst werden. Aber das geschieht niemals.

Eusebius: seufzt.

Florestan: Du bist traurig, Eusebius. Ich sagte „Rezensenten“, wohlverstanden, nicht „Musikkritiker“. Du weißt, welchen Unterschied ich zwischen beiden mache. Die letzteren stehen dem Künstler näher, sind seine ergänzende Hälfte sozusagen, wie du die meinige. Oder sie gehören zusammen wie Ober- und Untertasten beim Klavier. „Critico ergo artem facio!“ Du lächelst über mein Latein, Eusebius. Aber sage mir, habe ich nicht recht?

Eusebius: Gewiß, Florestan, obzwar du dich auch hierbei wie immer etwas übertrieben ausgedrückt hast. Wenn du die Schulmeister verdammst, verurteilst du alle Deutschen, zur Hälfte mindestens, aus den geheiligten Bezirken der Kunst. Denk nur an diesen Klavierpedanten Wieck, den Vater Zilias, meiner süßen Klara, ob du gleich jetzt mit ihm verfallen bist! Was wäre er, wenn er nicht ein gründlicher, ehrlicher, peinlicher, förmlicher Pädagoge wäre? Gestehe selbst, mein gestümer Florestan, flößt dir nicht seine gewissenhafte, genaue schulmeisterliche Art, Musik auszuüben, einen letzten Rest von Achtung für diesen Menschen ein, den du sonst schlechthin unter die reißenden Tiere zählen würdest? Ziehe dem Durchschnittsdeutschen den Schullehrer aus, und du hast lauter Barbaren um dich.

Florestan: Daß du dich so gerne mit der Menge und ihrem Zuschnitt befassen magst, bekümmert mich recht sehr, mein sanfter Freund! Ich möchte oft wünschen, daß du außer mit mir nur noch mit Beethoven umgehen würdest.

Eusebius: Verargst du mir gar den innigen Verkehr, den ich in diesen letzten Wochen wieder bis zur Leidenschaftlichkeit mit Jean Paul und mit Goethe gepflogen habe? Solltest du zu den verzerrenden Charakteren gehören, die Goethen wegen seiner Zugeständnisse an die Allgemeinheit zu schelten wagen?

Florestan: Mitnichten, Eusebius. Ja, ich weiß, daß der gespannte Zustand, in den ein Beethoven zur menschlichen Gesellschaft durch sein Leiden gestellt war, für einen jeden andern unerträglich sein müßte, auch wenn er nicht einmal wie ich in auflöslicher ewiger geistiger Ehre mit dir verbunden wäre. Indessen, mein gemütvoller Freund, du muß zugeben, daß es oft schwer hält, dieses menschliche Dasein und das irdische Los, das uns gefallen ist, in Harmonien aufzulösen. Komm weiter mit mir in jene Schatten, Geliebter! Es ist ein Hölderlinisches Dunkel um uns. Verstecken wir uns vor der Welt!

Eusebius: Laß ab von mir, du Verführer! Du ziehst mich in Abgründe und läßt mich die Wollust der Finsternis kosten, auf daß ich taumle, wenn ich ins Licht und ins Leben zurückwandern muß. Dein Weg geht abseits ins Unbegreifliche, Unzubegreifende. Alle Stege hören auf, wo du schweifst. Ich habe mich allzu oft schon von dir ins Nebelhafte, ins Außerirdische verlocken lassen, aus Liebe am Flattern. Mein Kopf ist müde davon geworden und meine Glieder zerschlagen wie die eines, den wilde Träume durch die Nacht gejagt haben. Da sind wir in deiner beschatteten Nacht, du Schwermütiger, und im Busch versteckt wie die Nachtigallen!

Florestan: Hast du Furcht, weicher Eusebius? Hier ist gut sein und träumen und über Nachtstücken zu grübeln. Ich habe dir dieses Plätzchen seit langem ausgesucht. Du magst die Leichenphantasie hier zu Ende komponieren. Was starrst du vor dich hin?

Eusebius: Ich sehe immer Leichenzüge, Särge, offene Gräber, unglückliche verzweifelte Menschen. Schwarze Wolken fliegen darüber hin, und der Sturm heult mit wilder gräßlicher Dämonenstimme in bangen Intervallen dazwischen. Du kennst den Hymnus auf das Weltgericht:
Quid sum miser tunc dicturus
Quem patronum rogaturus?
Weißt du, daß ich mich oft für einen Verbrecher halte, insbesondere seitdem dieser graue Wieck mich als gemeinen Verführer seiner Tochter Klara verflucht hat!

Florestan: Tränen hängen an deinen Lidern, du Sanfter! Es wird Zeit, daß ich dich aus dem Dunklen wieder entführe. „Là ci darem la mano“ – reich‘ mir die Hand, mein Leben! Bei Chopin, dem Heiligsten der Polen, du wirfst dich der Melancholie zu sehr an den Hals! Du blickst ihr zu tief in die unergründlichen Augen. Es wird die ergehen wie dem Studenten Anselmus in Hoffmanns „Goldenem Topf“, als er unter dem Holunderbusch saß und die drei grüngoldigen Schlänglein flüstern und klingeln hörte. Man wird dich für „närrsch“ halten, wenn ich dich in solchem Zustande über den Augustusplatz in Leipzig führe. Laß dich langsam zurückgeleiten über ein paar geharkte, mit Kies bestreute Wege und durch einige musikalische Aphorismen von mir, als da wäre: „Eine tadelnde Stimme hat die Stärke des Klanges von mehr als zehn lobenden.“

Eusebius: Leider, du ungestümer, ungeduldiger Geist! Erst ziehst du mich listig an diese verfinsterte Stätte und läßt mich in die Wildnis der Traurigkeit ausschwärmen wie einen Nachtfalter, bis ich mich ganz verliere in bodenlose Foltern!

Florestan: Komm, mein papillon, du verwehst mir noch im Wind des sogenannten Lebens, der dich umbläst, wie der Schmetterling auf dem Meer in jenem Gedicht von Lenau oder Rückert, aus dem wir ein Lied machen wollen, wenn es dir recht ist! Darf ich dich daran erinnern, daß du in Zwickau zur Welt gekommen bist, der Hauptstadt der Kreis- und Amtshauptmannschaft Zwickau, dem Sitz eines Landgerichts, eines Hauptsteuerrats, eines Eichamts, eines Bezirkskommandos usw.! Weiß du, daß du Sächsisch sprichst, mein weicher Freund, wenn du nicht zu Schweigen geruht wie meistens?

Eusebius: So recht! Du machst mich wieder lächeln, indem du mich in die sogenannte Wirklichkeit zurückziehst.

Florestan: Vorwärts, du Guter! Laß uns ein wenig im Galopp zur Stadt laufen. Oder im Trab, wenn es dir gar zu behend ist und zu auffallend. Du kennst meine krausen Tempi. Soll ich dir eine Toccata dazu vorpfeifen? Eine von mir oder von dem göttlichsten Musikmacher Johannes Sebastianus Maximus, der mich in Ewigkeit froh und tätig macht? Hör‘ zu! „Schnell und frisch bewegt“ – allegro con brio, wie die Leute sagen, die sich etwas darauf zugute tun, musikalisch Italienisch zu verstehen.

Eusebius: Deine Musik ist gut. Aber du rast mir zu sehr. Laß uns ein wenig an jene Buche lehnen und verschnaufen, Florestan! Du hast mich zu schnell aus meiner umwölkten Manfred=Stimmung in dein kriegerisches Feuer gerissen. Sieh, eine Rose liegt dort auf dem Fußweg!

Florestan (bückt sich): Hier, hast du sie, dich vollends zu versöhnen!

Eusebius: Ist es nicht ein reizendes Spiel, sich den Lebensgang dieser Blume auszumalen? Etwa so: Chiara Klara hat diese Blume an ihrem Busen getragen. Sie ist dieses Weges gegangen, von dem sie weiß, daß ich ihn liebe. Sie hat sie, meiner gedenkend, hier fallen lassen, daß ich sie wiederfinde.

Florestan: Du verschwärmst dich wieder, du echt Jean Paulischer „Walt“. Du bist bloß eine Romanfigur wie jener. Zurück in die „Flegeljahre“ mit dir!

Eusebius: Laß uns doch noch ein wenig verweilen! Gib deine Nase her, auf daß du mit mir an mein Märchen glauben kannst! Riechst du, wie sie duftet? Ein Zaubergarten springt dabei auf: Sieh‘, die Aurikeln leuchten wie die Gesichter von Heiligen, Blumenaugen schauen dich mit Kinderblicken von allen Beeten an, die hohen weißen Lilien vergiften die Lüfte, die Tulpen läuten. Und die goldenen Früchte an den Bäumen pochen aneinander. Lichte Frühlingswolken ziehen am blauen Äther dahin. Laß uns Tränen auf die dürstenden Fluren weinen wie beim Anhören mächtiger Taten und das Geheimnis Gott und Natur empfinden und über unser wildverschlungenes Leben ins Weite sinnen, bis un der Atem stockt! Nein, faß die Rose nicht so hart an! Sie blutet, siehst du nicht? Wie rote Tropfen zerfällt sie. Was hast du getan?

Florestan: Sie dir abgenommen und zerpflückt und wieder auf den Weg geworfen, wo wir sie fanden, diese hergelaufene Blume, an der du dich wieder hinter die kalte nackte Wirklichkeit träumtest. Komm mit! Ich lasse dich nicht mehr entgleiten. Du magst in einer idealischen Welt leben, so mußt du doch für die wirkliche arbeiten. Ich werde dich zwingen, vier Seiten über das Mendelssohnsche Konzert zu Papier zu bringen, das du gestern abend vernommen hast.

Eusebius: Laß mich hier draußen, du wilder Gefährte! Meine Sterne stehen sonderbar verschoben.

Florestan: Nein! Du sollst uns sagen, wie du über die „Lieder ohne Worte“ denkst, und warum du Schubert liebst und Beethoven anbetest. Du mußt uns verraten, warum du Meyerbeer verachtest und was dir an Liszt und Wagner mißfällt, und weshalb du in Berlioz verschossen bist.

Eusebius: O du Unerbittlicher, bringst du dies nicht alles viel besser ohne mich zustande? Kannst du deinen ständig erneuerten Schwur, gegen Gemeinheit und Verkehrtheit anzukämpfen, solange ein Tropfen Blutes in die wäre, nicht schöner allein erfüllen? Wohnt dir nicht, wenn du redest, jene fortreißende Glut der Überzeugungskraft inne, die auch mich in ihren Strudel zieht, wie wenn die Tonarten E-Moll, H-Moll und D-Durt sich vereinigen? Erinnerst du dich nicht mehr deiner Fastnachtsrede, die du nach der Aufführung der letzten Sinfonie von Beethoven gehalten hast? Wie du auf den Flügel stiegst und uns ansprachst!

Florestan: Versammelte Davidsbündler, d. i. Jünglinge und Männer, die ihr totschlagen solltet die Philister, musikalische und sonstige, vorzüglich die längsten und stärksten!

Eusebius: Es war eine himmlische Begebenheit. Wie die Blumen in den Hafen, die neben dir für die abwesende Zilia auf dem Flügel standen, hauchte meine Seele dir ihren Duft zu. Es war die schönste Stunde unseres Bundes, wiewohl – ich wiederhole es schmerzlich – Chiara, die Helle, die Reine, die Wahre, nicht zugegen war. Ich stürzte mich an deine Brust, als du dies herrliche Impromptu auf Beethoven mit dem tiefen Satze schlossest: „Ich habe diesen nämlich sehr gern.“

Florestan: Genug deiner Lobsprüche auf mich! Du verweichlichst mich damit. Du kennst meinen obersten Grundsatz: „Die Gesetze der Moral sind auch die der Kunst.“ Komm lieber mit mir! Ergreife die Keule, die dir in meiner Faust so gefiel, und hilf mir, die Philister in Deutschland totzuschlagen!

Eusebius: Nein! Laß sie leben! Lache sie aus, aber tue ihnen ebensowenig weh wie dein geliebtester Jean Paul! Kitzle ihre Nasen, zupfe sie an den Ohren, bis sie schreien! Aber dann laß sie weiter stehen und gehen und treiben, wie sie es seit Adams erstem Spatenstich getan haben. Irr‘ ich nicht, Florestan, so bist du trotz deines Temperamentes der Würdevollere, der Ernstere und Gemessenere von uns beiden. Ich sehe dich schon an der Seite Zilias, die dann dein dir von ganzer Seele ergebenes Eheweib Klara geworden ist, eine Korona von – sagen wir! – sechs oder sieben Kindern mit schönem Anstand und getragenem Ansehen als ein guter deutscher Familienvater vorstehen. Sollte der heutige Florestan sich über den künftigen lustig machen?

Florestan: Nein, mein schlauer Eusebius. Aber so wenig wie du mich einen Zopf tragen sehen wirst, so wenig wirst du jemals ein Stäubchen von Philisterei und Prosa von meinem Ärmel blasen müssen. Glaubst du vielleicht, daß ein Schock Buben oder ein Kranz von Mädchen, die mir entsprössen, einen Nachtwächter oder ein Stadt=Accise=Schreibergemüt aus mir machen würden? Bei diesem Triller: ha hi ho hü! Ehrbarkeit und gute Hausführung machen keinen Kopfhänger und Pedanten und Kleinigkeitskrämer aus einem künstlerischen Kerl. Niemals wird der Blumengarten meines Gehirns Kartoffeln tragen, und wenn ich mehr arbeiten sollte als alle andern Musikanten.

Eusebius: Wer zweifelt denn an dir, du quillender Florestan? Du duftest nach Reseda. Sicher ist dir eine neue kühne Melodie angeflogen. Wo kommen sie nur immer wieder her, die Funken?

Florestan: Laß uns eilen, diese Arabeske in Noten zu bringen! Ich sinne über eine Sinfonie, mein Bester. Die Zeit ist vorbei, da ich nur nach Veilchenkränzen haschte. Mich hungert nach Lorbeer. Man sollte nichts schreiben, was nicht Effekt macht, hat Gluck gesagt.

Eusebius: Auf solchen Gipfelwegen wirst du mich immer als Begleiter finden, du Ungestümer.

Florestan: Aber wie siehst du denn aus, mein Eusebius? Du bist ja ganz naß! Schau‘, es hat geregnet, indes wir im Grünen waren.

Eusebius: Wahrhaftig! Die Wiesen duften balsamisch, und rings steht alles betränt.

Florestan: Wo hast du deinen Hut gelassen, du Zarter? Wieder verloren! Du wirst mir teuer und deiner Verträumtheit. Weißt du, daß ich ein Rechnungsbuch wie ein Tagebuch führe, mit dem ich vor meinem verstorbenen Vater, dem großen Geschäftsmann, Verlagsbuchhändler und Zeitungsbesitzer August Schumann zu Zwickau bestehen könnte?

Eusebius: Sieh doch den Regenbogen dort, gestrenger Florestan, wie er über Firlenz in großem Bogen läuft! Findest du nicht, daß „Firlenz“ viel schöner klingt als – Leipzig?

Florestan: Offen gestanden, ja. Gib mir deinen Arm! Laß uns heimgehen. Unser Flügel erwartet uns, Eusebius. Sieh! Wie das ferne Gewitter noch wetterleuchtet, wie die Schlüsse Beethovens! Oftmals bin ich in Blitze verliebt.

Eusebius: Und ich in dies letzte Geträufel, das von den nässeschweren Zweigen fällt. Entsinnst du dich der bedeutenden Worte unsres Meister Raro, die er an uns Davidsbündler vergoß: „Es schwebt eine seltsame Röte am Himmel, ob Abend= oder Morgenröte, weiß ich nicht. Schafft fürs Licht!“

Florestan: So ist es. Schöner kann man es nicht sagen. Und nun, Musik! – – –

Aus. Herbert Eulenberg, Letzte Bilder, Verlag von Bruno Cassirer, Berlin 1918, S. 237 ff.
(Aus dem Buch für das Schumannportal neu abgeschrieben im StadtMuseum Bonn, 2006)

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