George Bernard Shaws (1856-1950) Verbeugung vor Clara Schumann(1819-1896)

[…] Obwohl jede Generation ihren eigenen Stamm an großen Künstlern hervorbringt, bin ich doch angesichts der Tatsache, daß die Lieblinge meiner Jugend der unerbittlichen Zeit weichen, nie ganz überzeugt, ob sie sich ersetzen lassen werden, bevor ich nicht ihre Nachfolger selbst gesehen und gehört habe. Vor Jahren ging ich einmal in ein Nachmittagskonzert, in dem nicht weniger als drei namhafte Pianisten auftraten. An zwei Dinge kann ich mich noch erinnern. Erstens, daß mich bei meinem Eintritt ein Herr mit vor Aufregung zitternder Stimme in tiefem Ernst fragte: „Hat Cambridge gewonnen?“ Und zweitens, daß ich erstmals Madame Schumann hörte und – noch ehe sie den ersten Satz von Schuberts C-Dur-Impromptu beendet hatte – erkannte, von welch edler Schönheit und poetischer Beseeltheit ihr Spiel war. Ein Künstler solchen Ranges ist der Heilige Gral, nach dem jeder Kritiker zeitlebens sucht. Ich hatte eigentlich nie die geringste Sorge, daß wir jemals um einen Ersatz für Rubinstein oder Bülow verlegen sein könnten. Im Falle von Madame Schumann war ich meiner Sache nicht ganz so sicher. Im Hinblick auf eine ihrer begabtesten Schülerinnen, Nathalie Janotha, werde ich mich noch ein paar Jahre des Kommentars enthalten oder mich zumindest so lange nicht festlegen, bis ich zufällig in ein Konzert gerate, in dem sie spielt. Bisher habe ich mir keine besondere Mühe gegeben, sie zu hören – außer einmal, als die Ankündigung, sie werde Beethovens G-Dur-Klavierkonzert spielen, mich in höchste Erwartung versetzte. Madame Schumanns wahre Nachfolgerin ist jedoch gegenwärtig Madame Backer-Gröndahl, deren vollendet ursprüngliches und eigenständiges Spiel keine der schönsten Eigenschaften ihrer Vorgängerin vermissen läßt. Man wird sich daran erinnern, daß ich – nachdem ich Madame Gröndahl zum erstenmal im Juni des vergangenen Jahres gehört hatte – sie als eine Künstlerin von höchstem Range pries. Ich hatte jetzt ein Jahr lang Zeit, mein damaliges Urteil zu überschlafen, und ich bin überzeugter denn je, daß es den Gegebenheiten standhalten wird. Morgen werde ich mit einer für einen Kritiker ungewöhnlichen Begierde in den Kristallpalasst gehen, um sie Griegs Klavierkonzert spielen zu hören und allen jenen mein „Hab’ ich’s nicht gesagt!“ zuzurufen, die es im letzten Jahr für sicherer hielten, lieber noch ein Vierteljahrhundert abzuwarten, ehe sie sich zu einer eigenen Meinung bequemen würden. […]

Für das Schumannportal im Büro des StadtMuseums Bonn neu abgeschrieben aus:

George Bernard Shaw
Musikfeuilletons des Corno di Bassetto
[entnommen und übersetzt aus: London Music in 1888/89 as heard by Corno di Bassetto (later known as Bernard Shaw) with some further autobiographical particulars, erschienen als Band 27 der „Standard Edition of the Works of Bernard Shaw“, Constable and Comp., London 1937]
Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig. 1972, Seite 94-95

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