Wie eine Stadt zu ihren Konzerten fand

15. März 2008, Neue Zürcher Zeitung

Das Ehepaar Riggenbach-Stehlin [Freunde und Förderer u.a. von Clara Schumann und Johannes Brahms] und seine private musikalische Initiative in Basel
Von Paola Cimino

Als im Oktober 1850 im Hause des Ehepaars Friedrich und Margaretha Riggenbach-Stehlin zum ersten Mal ein musikalisches Kränzchen zusammentrat, ahnte niemand, dass es viele Jahre hindurch in Blüte stehen würde und eine wichtige Anregung für die Entwicklung des Musiklebens in Basel werden sollte. Der illustre Zirkel – mit von der Partie waren Persönlichkeiten wie der Kunsthistoriker Jacob Burckhardt oder der Rechtsgelehrte Andreas Heusler – frönte der musikalischen Geselligkeit und machte sich mit Werken vertraut, die im Basel des 19. Jahrhunderts noch weitgehend unbekannt waren.

Der vermögende Bankier Friedrich Riggenbach-Stehlin (1821–1904) und seine Ehefrau Margaretha (1829–1906) waren ausgesprochene Musikfreunde und grosszügige Gönner zahlreicher Musiker. Sie waren mit Grössen wie Johannes Brahms oder Clara Schumann befreundet und zu einem guten Teil dafür verantwortlich, dass die Passionsmusik Johann Sebastian Bachs ihren Weg in die Schweiz gefunden hat. In ihrem Haus, dem geräumigen «Kettenhof», organisierten die Riggenbachs zusammen mit den anderen Mitgliedern des Kränzchens und mit August Walter, seinem musikalischen Leiter, Hauskonzerte, die allen Beteiligten unvergesslich blieben.

Privat oder Öffentlich?

Das Ehepaar Riggenbach-Stehlin widmete sich mit grossem Engagement der Förderung der Musik und der musikalischen Institute Basels. Ihr Interesse galt besonders der Vokalmusik und dem gemischten Chorgesang. So bestand das Repertoire des Riggenbachschen Kränzchens hauptsächlich aus älterer und neuester Chormusik, wobei die Werke Johann Sebastian Bachs und Robert Schumanns in den Vordergrund gerückt wurden. Ausgiebige Pflege fand im Kränzchen auch der Operngesang. Eine Spezialität des Kreises waren die Opern Glucks, weshalb sich das Riggenbachsche Kränzchen für kurze Zeit auch «Orpheus-Verein» nannte.

Im Kränzchen, das mit Unterbrechungen und in unterschiedlicher Besetzung bis ungefähr 1865 durchgeführt wurde, musizierte man zum eigenen Genuss und aus Freude am Chorgesang, trat jedoch schon bald auch bei wichtigen Familienereignissen der Angehörigen des Kränzchens wie bei Hauskonzerten im «Kettenhof» auf und wirkte in August Walters öffentlichen Konzerten mit. Walter war seinerzeit einer der bedeutendsten Musiker in Basel, und er veranstaltete regelmässig öffentliche Konzerte.

Höhepunkte im Riggenbachschen Kränzchen bildeten die Hauskonzerte im «Kettenhof». Bei solchen Anlässen sang der Chor, der durchschnittlich aus etwa 20 bis 30 Sängerinnen und Sängern bestand, oftmals vor einem mehr als 100-köpfigen Publikum. Die Kammermusikabende, bei denen das Kränzchen gemeinsam mit anderen Gästen der Riggenbachs als Publikum zugegen war, standen dagegen meist im Zusammenhang mit der Anwesenheit eines auswärtigen Musikers in Basel.

Das Ehepaar Riggenbach-Stehlin setzte alles daran, beste Voraussetzungen für die Konzertabende zu schaffen, und scheute dabei weder Mühe noch Kosten. Die Zimmer im «Kettenhof» wurden umgeräumt, aus dem Stadtcasino wurden Stühle, Gerüste für die Garderobe und Luster gemietet. Berühmte Musiker wie Johannes Brahms, Hans von Bülow, Theodor Kirchner und Clara Schumann stiegen auf ihren Konzertreisen gerne im «Kettenhof» ab. Brahms führte seinen Basler Freunden sogar neue Lieder und Teile aus seinem erst im Manuskript vorliegenden «Deutschen Requiem» vor und überliess dem Kränzchen mehrere Werke zur Uraufführung.

Obwohl die Kränzchenmitglieder von den Riggenbach-Stehlins ungeachtet ihres Standes und Vermögens aufgenommen wurden, stellte der Bildungsanspruch faktisch eine Schranke dar. Bei den meisten Mitwirkenden und Zuhörenden handelte es sich um Intellektuelle von patrizialem Zuschnitt. Zugleich verstand sich das Kränzchen aber keineswegs als eine Institution, die sich nach unten abgrenzte. Man war vielmehr darauf bedacht, die intern geführten musikalischen Diskurse nach aussen zu tragen und einem breiteren Publikum näherzubringen.

Von Interesse ist dabei die enge Verbindung zwischen der schweizerischen Erstaufführung von Bachs Johannespassion durch den Basler Gesangverein und dem Riggenbachschen Kränzchen. Ein solches Werk zur Aufführung zu bringen, stellte damals eine Pionierleistung dar; den Sängern wie dem Publikum war die Musik Bachs nicht bekannt. Die Riggenbachs und viele Mitglieder des Kränzchens waren im Basler Gesangverein aktiv und von Anfang an bemüht, das ehrgeizige Projekt voranzutreiben. Allen Schwierigkeiten zum Trotz kam es am 31. Mai 1861 zu diesem Konzert und einem überwältigenden Erfolg.

Das Ehepaar Riggenbach-Stehlin vertrat jenes Bildungsideal, das Musik als Ausdruck eines höheren Lebensgefühls verstand. In diesem Bildungsideal äussert sich nicht nur die politisch-pädagogische Komponente im Sinne Heinrich Pestalozzis, sondern auch ein gesellschaftliches Bedürfnis nach der Intensivierung der zwischenmenschlichen Beziehungen, nach Brüderlichkeit und Freundschaft, wie es die Aufklärung propagiert hatte. Das Riggenbachsche Kränzchen war nicht nur Selbstzweck, es zielte auch darauf ab, das noch junge Basler Chorwesen zu fördern. Unbekannte Vokalwerke sollten vorgestellt werden – zum Beispiel ein Werk wie «Das Paradies und die Peri» von Schumann, das 1858 vom Kränzchen aufgeführt wurde.

Damit bildete das Riggenbachsche Kränzchen das Scharnier zwischen dem Individuellen und dem Gesellschaftlichen, verband es die private mit der öffentlichen Sphäre der Musik. Zum einen bot das Kränzchen seinen Mitgliedern die Möglichkeit, auf ungezwungene, informelle Art und Weise ihren Interessen nachzugehen und einen Teil ihrer Freizeit zu gestalten. Andererseits brachte das Kränzchen für viele Menschen Glanz in das bis anhin von reformierter Einfachheit geprägte gesellschaftliche Leben.

Verbürgerlichung der Musik

Zunehmend wurden die Umwälzungen, welche die Aufklärung und die Französische Revolution mit sich gebracht hatten, auch auf dem Gebiet der Musik spürbar. Nachdem es im Mittelalter die Geistlichen, zur Zeit des Humanismus vor allem die Gelehrten und im 18. Jahrhundert die Vornehmen gewesen waren, die jeweils am musikalischen Leben teilgenommen hatten, trat zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Bürgertum als Kulturträger in den Vordergrund. Darin spiegeln sich die geistigen, gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen seit dem Spätmittelalter, die den politischen und sozialen Aufstieg des Bürgertums begründeten.

Im Bildungsideal der Aufklärung spielte Musik eine wichtige Rolle. Das Erlernen eines Instrumentes war im bürgerlichen Erziehungsprogramm eine Selbstverständlichkeit, und häusliches Musizieren galt als «Ingrediens bürgerlicher Etabliertheit». In der Folge wurde das Musizieren zunehmend eine Domäne des vermögenden und kunstverständigen Grossbürgertums, bis es aus jener Privatsphäre in den öffentlichen Konzertsaal verlagert wurde. Aus exklusiven privaten Musizierkreisen wie dem Riggenbachschen Kränzchen bildeten sich schliesslich öffentliche Konzertinstitute, die gegen Entrichtung eines Eintrittsgeldes allen Interessierten den Zutritt gewährten und bis heute bestehen.

Die Historikerin Paola Cimino, lic. phil., hat die Anfänge des öffentlichen Musiklebens in Basel erforscht. Sie arbeitet an der Universität Basel.

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