Geischtermusik - Schumann und Holliger

DIE ZEIT Nr. 05, 24.1.2008, Seite 42

Feuilleton

Hilberg, Frank

100 Klassiker der modernen Musik (95)

Geischtermusik

Wer ist der legitime Nachfolger von Robert Schumann in der Gegenwart?Die Antwort ist einfach, viele Anwärter gibt es nicht: Es ist Heinz Holliger. Wie Schumann gründet er seine Musik auf Sanglichkeit als Ausdruck seelischer Regungen. Er hat ein Faible für Dichter, die mit vordergründig schlichter, ja volkstümlicher Sprache die Fragilität des Seins samt schauerlicher Abgründe fokussieren Robert Walser, Friedrich Hölderlin, Nelly Sachs, Samuel Beckett, Anna Maria Bacher.

Und er liebt es, wie Schumann, Zyklen, Werke mit stückübergreifendem, innerem Zusammenhalt zu schreiben.

Das Paradebeispiel ist Beiseit, 12 Lieder nach Gedichten von Robert Walser von 1991. Aus den Liedern spricht die verhaltene Verzweiflung des modernen Subjekts, das sich in seinem beschädigten Leben nicht gut, aber stabil eingerichtet hat. Das Stück Wie immer bringt es auf den Punkt: »ich bin noch im Zimmer / und meine Sehnsucht, ah, / seufzt noch wie immer. / Feigheit, bist du noch da? / und, Lüge, auch du? / Ich hör ein dunkles Ja: / das Unglück ist noch da, / und ich bin noch im Zimmer / wie immer.«Ein Countertenor, eine Klarinette, ein Akkordeon, ein Kontrabass damit umschreibt Holliger die kleine-große Welt des Gegenwartsmenschen: paranoid, getrieben, hypersensibel, reflektiert. Die knappen und lakonischen Verse Walsers sind unterlegt mit wenigen instrumentalen Gesten, einem scharrenden Kontrabassstrich, einem glucksenden Klarinettenlauf, einem silbrigen Akkordeonakkord.

Beklemmung in der Leichtigkeit ist ein Kennzeichen von Holligers Musik, auch in großformatigen Werken wie dem Scardanelli-Zyklus (1975-91), einem Oratorium über Gedichte aus der leuchtend-umnachteten Spätzeit Hölderlins.

Holliger, 1939 im schweizerischen Langenthal geboren, hatte sich als Komponist bereits einen Namen gemacht, bevor er in den siebziger Jahren als Oboist bekannt wurde. Jeder Zyklus in seinem Werkkatalog will eine Welt erschaffen, jedes Stück ist ein mit Atmosphäre aufgeladenes Unikat.

Auch wo er sich schweizerisch volkstümlich gibt, wie in Alb-Chehr Geischter- und Älplermusig for d Oberwalliser Spillit für Sprecher und kleines Ensemble, sind die Schatten der Psyche nicht weit. Wer je eine Nacht auf einer Alm verbrachte, im archaischen Dunkel, in abgeschiedener Einsamkeit, kennt wohl den Neandertaler-Horror, der die Wirbelsäule emporkriecht, wenn die dunklen Fichten rauschen und das Holz zu sprechen beginnt.

Man muss nicht jedes Wort des Schweizer Idioms verstehen, um die unheilvolle Geschichte nachempfinden zu können. Die Richtung ist klar: Die Instrumente akkompagnieren in gesangvollen Linien, alles ist schön im volkstümlichen Ton, aber dieser Ton kann sich jederzeit verfinstern und in Grauen umschlagen. Eine Doppelbödigkeit, die ja auch Schumann meisterhaft beherrschte.

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