Der «Jahrhundertdirigent» zwischen Florestan und Eusebius

5. April 2008, Neue Zürcher Zeitung

Zahlreich sind die Erinnerungen an die Dirigate Herbert von Karajans – vor allem in Zürich, Luzern, Salzburg und Berlin. Sie sind jedoch so antagonistisch, dass ich Robert Schumann zu Hilfe rufe. Die von ihm erfundene Verteilung der Argumentation auf zwei fiktive Personen, den zustimmenden, begeisterungsfähigen Eusebius und den zur Vorsicht, ja zur Verwerfung neigenden Florestan, möge mir beistehen. Nun denn, Eusebius, wie denkst du heute über Karajan?

Eusebius: Der Dirigent Karajan war ein «Wunder». So betitelte die Berliner Presse 1938 eine Aufführung von Richard Wagners «Tristan und Isolde», und von solcher Verklärung ist ein Teil des Karajan-Schrifttums rechtens geprägt. Eine hypnotische Wirkung ging von dieser Persönlichkeit aus, der sich weder die Sänger noch die Orchestermusiker zu entziehen vermochten. Auch die Salzburger Sommerfestspiele, die er von 1960 an fast allein beherrschte, versetzten das Publikum in eine Art Trance.

Florestan: Eusebius, mein Alter Ego, du bist ja selber in Trance geraten. 1938 – das war doch die Zeit, da sich der unvergleichliche Karajan den Nationalsozialisten angebiedert hat.

Eusebius: Tatsächlich hat sich Karajan politisch «arrangiert» – wie viele andere auch. Und nach 1947 vermochte er sich schnell wieder im Konzertleben zu etablieren. 1955 gelang es ihm, die Nachfolge Wilhelm Furtwänglers bei den Berliner Philharmonikern zu übernehmen. Das alles verdankte er seiner Begabung.

Riesige Bögen

Florestan: Du unterschätzest Karajans Ehrgeiz und Machtstreben. Nachdem er Chefdirigent der Berliner geworden war, unternahm er mit dem Orchester gleich eine Reise in die USA. Die Amerikaner jedoch hatten Karajans Verhalten während des Kriegs nicht vergessen; es kam zu wüsten Protesten gegen den Dirigenten und Deutschland.

Eusebius: Ja, dieser Versuch einer kulturellen Versöhnung schlug fehl. Indessen wird allgemein zu viel von seinen politischen Neigungen gesprochen. Willst du nicht Karajans Verdienste an der Spitze der Berliner Philharmoniker zur Kenntnis nehmen? Unter seiner Leitung entwickelten sie eine heute kaum mehr zu vernehmende klangliche Opulenz. Der Dirigent pflegte ein vibratoreiches Sostenuto, das in seinen zahlreichen Aufnahmen zu hören ist. Gewaltige Werke, etwa Bruckners Achte, vermochte er in einem einzigen, umfassenden Bogen darzustellen.

Florestan: Aber die Artikulation innerhalb der Musik fehlte. Schon seinem Nachfolger Claudio Abbado gelang es, die Berliner aus dem wenig artikulierten Strömen herauszuholen. Zudem hat Abbado begriffen, dass es ohne den Einbezug der heute tätigen Komponisten keine Entwicklung, auch nicht des Orchesterspiels, geben kann. Aus meiner Sicht ist Karajan trotz seinem kometenhaften Aufstieg künstlerisch stehengeblieben.

Eusebius: Deine Sicht greift zu kurz. Für Karajan verlief die Entwicklung in eine andere Richtung, und Millionen der Medienkunden dankten es ihm. Er entdeckte die Möglichkeiten der Reproduktion, wurde ein Pionier der Aufnahmeverfahren – allerdings nicht wie Hermann Scherchen auf experimenteller, sondern auf kommerzieller Basis. Sein Wirken ist nicht Teil der Interpretationsgeschichte, wohl aber der Geschichte der Aufnahme- und Reproduktionstechniken.

Florestan unterbricht: Sein Drang zur Selbstdarstellung kulminierte in der Gründung einer eigenen Firma, Telemondial.

Eusebius: Seien wir nicht undankbar: Karajans Filmgesellschaft hat 1978 den bahnbrechenden Monteverdi-Zyklus des Opernhauses Zürich mit Harnoncourt und Ponnelle aufgezeichnet.

Florestan: Allerdings erschienen oft musikalische und visuelle Aufnahmen vor seinen öffentlichen Auftritten, so dass diese zu Wiederholungen, ja zu «Playbacks» wurden.

Eusebius: Gerade dieses Verfahren ermöglichte eine selten erreichte Perfektion der Wiedergabe. Da sich Karajan auch in Opernregie versuchte, standen die von ihm verantworteten Opernaufführungen im Zeichen einer fast hygienischen Reinheit. Seine Sänger durften keine fettleibigen Helden sein; schlanke Darsteller, wie sie auch die Filmwelt fordert, begeisterten vor allem das Salzburger Publikum.

Florestan: Jetzt legst du den Finger auf den springenden Punkt. Karajans Ästhetik zielte auf eine geglättete Statik. Von Toscanini und Victor de Sabata hatte er dirigentisch viel gelernt, aber die Erregung, die diese Italiener bewirkten, brachte er nicht zustande. Und jene Erschütterungen, die Furtwängler auslösen konnte, standen weit ausserhalb seiner Möglichkeiten.

Eusebius: Dennoch konnte man sich von seinem Musizieren sehr wohl berühren lassen. An den Salzburger Osterfestspielen gab es «Tristan und Isolde» in einer Inszenierung Karajans. Die Berliner Philharmoniker standen damals ganz im Bann des Maestro, und der Abend fand zu einer einmaligen Intensität.

Florestan: Aber wirkte die Aufführung im Grossen Festspielhaus nicht fast wie eine filmähnliche Synchronisation? Helga Dernesch als Isolde und John Vickers als Tristan blieben Träger eines Ideals, das den schönen Schein vor die emotionale Tragödie setzte. Wenn es dem Dirigenten um sein Orchester ging, warf er die Interessen der Sänger souverän auf die Seite. So kam das grosse Duett im Mittelakt blass heraus. Charakteristisch für Karajan: Bis zum Ende blieb die Liebe ein Phänomen der Einzelperson, nicht des lebendigen Bezugs zwischen Tristan und Isolde .

Grenzen des Wohlklangs

Eusebius: Indessen nötigten die Konzerte an den Osterfestspielen allen Respekt ab. Mozarts Es-Dur-Sinfonie KV 543 etwa verführte durch ihren Wohlklang: Unerhört, wie fugenlos sich melodietragende Instrumente ablösten, wie schwerelos das Wechselspiel in allen Richtungen vor sich ging und wie bezwungen sich die Schwierigkeiten der Sinfonie anhörten. Das Ohr blieb berückt von einem Orchester, für das die Partitur gleichsam die Entfaltung einer einzigen Melodie in einer Vielzahl von Instrumenten geworden war.

Florestan: Wem Mozarts späte Musik nicht nur ein Ohrenschmaus, sondern auch eine geglückte Höllenfahrt ist, für den fallen Karajans wohlklingende Interpretationen allerdings ab.

Eusebius: Für mich ist der Wohlklang das Mass aller Dinge. Sobald die Kompositionen sich in Richtung Atonalität entwickeln, sehe ich jene Harmonie, nach der sich der Mensch sehnt, gefährdet. Gern schliesse ich beim Anhören von Musik die Augen, wie Karajan beim Dirigieren, und überlasse mich göttlicher Harmonie.

Florestan: Da wirst du in deiner Verehrung für den Maestro aber enger, als er selber war. Immerhin hat er 1980 in Luzern eine erstaunliche Wiedergabe von Pendereckis «Polymorphia» geboten. Und weder Mahlers vierte noch Prokofjews fünfte Sinfonie habe ich je besser gehört.

Florestan und Eusebius: Wie auch immer, dass Karajan nicht nur ein musikpolitischer Taktiker, sondern auch ein besessener Musiker war, können wir beide nicht bestreiten.

Dr. Andres Briner, geboren 1923, war von 1965 bis 1989 Musikkritiker und Feuilleton-Redaktor der «Neuen Zürcher Zeitung».

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