Die Marseillaise als Faschingsmusik

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2010, Nr. 103, S. N4

Flegeljahre und Herzstillstände in der Musik: In Leipzig tagen die Schumann-Forscher

Nur der Mensch ist "ganzer Künstler", schrieb der Geiger und Komponist Joseph Joachim (den Robert Schumann zu seinem imaginären Davidsbund zählte), "bei dem das Leben in die Kunst, diese in das Leben verherrlichend eingreift". Die Wissenschaft allerdings erlebt den Eingriff des Lebens selten als verherrlichend, sondern eher als Überfall der Kontingenz auf ein mühseliges Streben nach Sinn. Kazuko Ozawa, Mitarbeiterin der Neuen Robert-Schumann-Gesamtausgabe in Düsseldorf, machte jedoch die Erfahrung eines glücklichen Zusammenschießens von Sinn und Kontingenz im eigenen Leben.

Am 1. Januar 2008 saß sie vor dem Fernseher und sah das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker unter Georges Prêtre. Auf dem Programm stand der "Paris-Walzer" op. 101 von Johann Strauß (Vater). Er enthält, man kann es bei Wikipedia sogar lesen, "eine gekonnte Dreivierteltaktversion der Marseillaise in der Coda". Doch welcher Schumann-Forscher liest schon Wikipedia-Einträge zu Johann Strauß, hört gar dessen Walzer?

Nun brach durch diesen Zufall ein vermeintlich sicheres Wissen zusammen. In seinem Klavierzyklus "Faschingsschwank aus Wien" op. 26 zitiert nämlich auch Schumann die Marseillaise im Dreivierteltakt, und seit Schumanns frühem Biographen Joseph von Wasielewski wird dies als republikanischer Scherz gegen die strenge Wiener Zensur gedeutet, die jenes Lied mit Verbot belegt hatte. Schumann hielt sich 1838/39 in Wien auf, um dort seine "Neue Zeitschrift für Musik" zu etablieren, was tatsächlich an den Zensurbestimmungen scheiterte. Straußens"Paris-Walzer" wurde jedoch exakt in der Faschingssaison 1838/39 in Wien uraufgeführt. So streng kann die Zensur mithin nicht gewesen sein. Was heißt das aber für Schumanns "Faschingsschwank"? Er dürfte weit weniger eine politische Stellungnahme als ein farbiger Abglanz des Lebens sein, wie es sich zu jener Zeit in Wien abgespielt hat. Die Bemerkung über die Zensur, die Wasielewski aus Schumanns Munde erhalten haben will, war wohl ein Scherz, der als solcher unbemerkt blieb.

Kazuko Ozawa trug ihre Erkenntnisse jetzt beim internationalen Schumann-Kongress in Leipzig vor, den die dortige Universität in Verbindung mit dem deutschen Schumann-Netzwerk veranstaltet hat. Anlass war der 200. Geburtstag des Komponisten am 8. Juni dieses Jahres. Als übergreifendes Thema möchte man den Untertitel der Tagung, "Persönlichkeit, Werk, Wirkung", nicht bezeichnen. Und doch tönte ein einziges Thema leise durch alle zweiundzwanzig Vorträge: nämlich die Frage nach just jenem Zusammenhang von Leben, Kunst und Wissenschaft.

Constantin Floros sprach über "Autobiographisches in Schumanns früher Musik" und zog jede Menge Briefstellen heran, die belegen sollten, wie sehr alles, was in der Welt vorging, Schumann musikalisch "affizierte". Doch eine nähere Bestimmung dieses Verhältnisses von Weltbezug und individuellem Kunstwerk blieb Floros schuldig. Einem so innigen Kenner von Schumanns Musik wie Hans-Joachim Köhler, der früher beim Verlag C. F. Peters in Leipzig eine Ausgabe von dessen Werken betreut hatte, gelang genau diese Konkretisierung auf schönste Weise. Denn wo Schumann behauptete, er habe von Jean Paul mehr Kontrapunkt gelernt als von seinem Tonsatzlehrer, da zeigte Köhler, wie sich die dritte Nummer der "Papillons" op. 2 von Schumann recht anschaulich auf eine Passage in Jean Pauls Roman "Flegeljahre" beziehen lässt. Das polternde Kanonthema nämlich, das in seine eigene Umkehrung mündet und später im Bass durch sich selbst als rhythmische Vergrößerung begleitet wird - ist es denn anderes als Jean Pauls "Riesenstiefel, der sich selbst anhatte und trug"? So herrlich kann Analyse das musikalische Hören tragen.

Auch Michael Struck gelang diese Engführung von Kunst und Leben am Beispiel des letzten vollendeten Werks von Schumann: Thema und Variationen in Es-Dur für Klavier. Berichten von Clara Schumann zufolge glaubte Robert, das Thema von Engeln empfangen zu haben. Er unterbrach die Niederschrift des Werks am Rosenmontag 1854, um sich in den Rhein zu stürzen. Nach seiner Rettung schloss er das Werk ab. Nun ist im Autograph ein Wechsel des Schreibduktus in der Schlussvariation zu entdecken: genau dort, wo die Musik stagniert und die regelmäßigen Bassimpulse - Struck sprach von Herzstillstand - aussetzen. Es kann sein, dass Schumann hier nur die Feder beschnitten oder gewechselt hat. Doch nicht weniger wahrscheinlich ist, dass genau an dieser strukturell bezeichnenden Stelle die Arbeit unterbrochen wurde und Schumann seinen Suizidversuch unternahm. Graphologie, Biographie und satztechnische Analyse griffen hier mit fast beunruhigender Schlüssigkeit ineinander.

Doch das Tragische bei Schumann kann den großen Humoristen fast verdecken. Schon als Zwölfjähriger hatte er in der Schule das Gotteslob von Psalm 150 vertont, und Matthias Wendt konnte eine Aufnahme davon auftreiben. Da führte er nun mit diebischem Vergnügen vor, wie Schumann Leib und Lob verherrlichend ineinandergreifen und laut skandieren ließ: "Lobet ihn mit Po! - Sau! - Nen!" Man wird die Beiträge dieses Kongresses, bei dem es auch um Kunstreligion, Antisemitismus sowie Schumanns Wirkung in Frankreich und Russland ging, sicher bald in einem Sammelband nachlesen können, dabei aber um solch drollige Momente der Darbietung betrogen werden.

Beatrix Borchard fiel es zu, der wissenschaftlichen Selbstreflexion zur Anschauung zu verhelfen. Nachdem sie als Rezensentin den Film "Geliebte Clara" von Helma Sanders-Brahms, in dem Schumann als gewalttätiger Alkoholiker gezeigt wird, nicht verrissen hatte, machten Zunftgenossen der Schumann-Forscherin den Vorwurf, sie habe durch Unterlassen ihres Einschreitens Schumanns öffentlichem Ansehen geschadet. Nun stellte sie in ihrem Vortrag drei filmische Annäherungen vor, bei denen Dokument und Fiktion jeweils unterschiedlich gewichtet und kenntlich gemacht sind: "Song of Love" von 1947 mit Katharine Hepburn als Clara Schumann, eben jene "Geliebte Clara" von 2008 und das neueste Dokudrama der ARD, "Robert Schumanns verlorene Träume" von 2010.

Bei Letzterem hatte sie selbst als Expertin in Interview-Sequenzen mitgewirkt und räumte nun ein, sie habe damals bewusst unerwähnt gelassen, dass der junge Johannes Brahms Clara Schumann bei ihrem Abschied von Robert in der Irrenanstalt Endenich begleitet hatte. Sie wollte so dem ganzen Klatsch über die Beziehung zwischen diesen Menschen nicht wieder Vorschub leisten. Gewissermaßen hat sie hier, als Wissenschaftlerin, durch das Verschweigen von Brahms verherrlichend in drei Künstlerleben eingegriffen.

JAN BRACHMANN

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