Komponistenkummer

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.07.2006, Nr. 174, S. 39
Feuilleton

Zwei Ausstellungen trösten Robert Schumann

Es ist nicht einfach, Robert Schumann ein Denkmal zu setzen. In Zwickau hockt er seit 1901 ebenso nachlässig wie gedankenverloren, den Kopf in die Hand gestützt, auf einem Stuhl und mitsamt diesem auf einem Sockel. Die Intimität der von Johannes Hartmann gestalteten Szene steht in einem kuriosen Spannungsverhältnis zur bronzenen Monumentalität der Skulptur. In Bonn errichtete man 1880 auf Schumanns Grab ein marmornes Monument. Ein Schwan trägt das Bildnis des Komponisten hinfort, während zu seinen Füßen eine Muse kauert, die die Züge Clara Schumanns aufweist. Ein geigender Putto und eine in ein Liederbuch vertiefte Elfe rahmen die Szene als Allegorien der Instrumental- und Vokalmusik. Das süßliche Arrangement ist Ausdruck eines Geniekults, der über das Genie selbst wenig zu sagen weiß - außer über die Funktion, die die treusorgende Gattin nach Meinung der Denkmalstifter und des Bildhauers Adolf Donndorf erfüllen sollte. Clara selbst, die bei der Einweihung anwesend war, befand, das Relief gebe wohl die Züge ihres Mannes, nicht aber seinen Charakter wieder. Wie aber war sein Charakter? Schumann läßt sich nicht leicht auf einen Nenner bringen, und darum scheitert die Denkmalskunst. Am heutigen Tag jährt sich sein Tod zum hundertfünfzigsten Mal, und noch immer gibt es kein Schlagwort, mit dem sich Schumann fassen ließe.

In Bonn geht zur Zeit eine Doppelausstellung den Dingen auf den Grund. Ihr im Stadtmuseum gezeigter Teil befaßt sich mit dem Bild, das sich die Nachwelt vom Komponisten machte. Ausgerechnet das Bonner Grabmal wurde zum populären Emblem seines Lebens, es ziert zahllose Einbände von Ausgaben seiner Musik; das traurige Ende Schumanns in der Endenicher Nervenheilanstalt paßt so wunderbar ins Genie-Klischee. Bei keinem anderen Komponisten hat der Grabstein eine solche Prominenz erlangt.

Neben den Umständen seines Todes interessierte die Nachwelt die Liebe. Bei keinem anderen Komponisten hat auch die Ehefrau eine solche Prominenz erlangt. Die hat sie sich als begnadete Pianistin vor allem selbst erarbeitet. Aber insbesondere als Ehepaar erweckten die beiden Neugier. Eine Fülle kitschiger Postkarten, die das Paar in allen möglichen Posen der Zuneigung zeigen, zeugt im Stadtmuseum davon. Waren es erst die bis in den Tod romantisch Liebenden, die die Nachwelt fesselten, so ist es heute mehr die moderne Ehe, die sie führten: eine Lebenspartnerschaft zweier voll berufstätiger Doppelverdiener, die nebenher acht Kinder in die Welt setzten.

Schumann ist für die Nachwelt ein heikler Fall; denn die Klischees, die man über sein Leben pflegt, findet man in seiner Musik, anders als es bei Beethoven oder Mahler der Fall ist, nicht ohne weiteres bestätigt. Noch die letzten Kompositionen befassen sich nicht mit dem Tod, Endzeitliches ist ihnen fremd. Schumanns Musik besitzt auch keinen Bekenntnischarakter, mit wenigen Ausnahmen keine im weiteren oder engeren Sinne politische Botschaft. Neben Florestan tritt Eusebius: hier die Kraftnatur, der Polemiker und Humorist, dort der Empfindsame und Besonnene. Zwischen den beiden Charakteren bewegt sich Schumanns Musik quecksilbrig hin und her. Ideologen gleitet sie deshalb aus der Hand. Die gleichgeschaltete nationalsozialistische Musikwissenschaft hat sich an ihr letztlich ebenso die Zähne ausgebissen wie eine DDR-Propaganda, die Schumanns Engagement für die Revolution 1848 gelegentlich überbetonte - Schumann floh vor den Unruhen in Dresden aufs Land.

Zum Rückzug neigte Schumann wohl eher als zur Offensive, auch wenn sein frühes Davidsbündlertum und die auf Veränderung der Verhältnisse zielende Gründung der "Neuen Zeitschrift für Musik" zunächst einen anderen Schluß zuzulassen schienen. Der Davidsbund, schrieb Schumann später gut gelaunt, sei freilich ein "mehr als geheimer" gewesen, der "nur im Kopf seines Stifters existierte". Schumanns Musik wird, wie der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus treffend festgestellt hat, von der "Ästhetik eines eng umgrenzten Zirkels" geprägt. Sie lebt von den literarischen und biographischen Anspielungen, die von einem kleinen Kreis Eingeweihter verstanden werden sollen. Die Überschriften der Charakterstücke verschweigen oft mehr, als sie sagen, sie sind eine Musik des vielsagenden Blicks in die Augen des Gegenübers, nicht eine Botschaft an die Welt. Es ist ein Paradox, daß Schumann auf dem Gebiet der quasi "öffentlichen" musikalischen Gattungen - Symphonie, Konzert, Oratorium - am produktivsten war, als er in seinen letzten Lebensjahren der politischen Welt weitgehend den Rücken gekehrt hatte.

Es kann für eine Schumann-Ausstellung kaum einen privateren Ort geben als das im Geburtsjahr des Komponisten errichtete Ernst-Moritz-Arndt-Haus am Bonner Rheinufer; in ihm findet der andere Teil der Doppelschau seinen Platz. Das Haus hat seinen biedermeierlichen Charme bewahrt und ist nun bis an den Rand gefüllt mit Schumann-Autographen und Memorabilia. Man hört, es seien wohl seit hundert Jahren nicht mehr so viele Schumann-Autographe an einem Ort versammelt gewesen. Sie sind in ihren Vitrinen als Gedenk- und Verehrungsstücke angerichtet. Eine kraftvolle These, etwa zum Schumannschen Spätwerk oder zu seiner Erkrankung, wird nicht formuliert. Aber wer viel Zeit mitbringt, dem können die Stücke in dieser altmodischen Schau einiges erzählen.

In der Provinzstadt Zwickau entfaltete sich kulturelles Leben am ehesten im privaten Zirkel. Der Familie verdankte Schumann die wichtigen frühen kulturellen Eindrücke. Sein Vater war erfolgreicher Verleger und Buchhändler, einer der Pioniere des Taschenbuchs; und er förderte die musikalische Begabung seines Sohnes. Mit fünfzehn gründete Robert einen "Litterarischen Verein" für Freunde, im selben Alter verfaßte er seine ersten Lebenserinnerungen - Ausdruck einer frühen Neigung zur Rückbezüglichkeit. Früh ausgeprägt auch die Vorliebe für Synonyme: Mit sechzehn begann er eine Lyriksammlung unter dem Titel "Allerley aus der Feder Roberts an der Mulde" zusammenzustellen. Schon als Kind fing er an zu komponieren, aber erst 1830 entschied er sich für den Musikerberuf; so lange hielt er die Entscheidung über seine Existenz in der Schwebe.

Die letzten knapp zweieinhalb Jahre in Endenich spiegeln auf makabre Weise die Motive des Anfangs. Die Einweisung in die Irrenanstalt am 4. März 1854 nach dem Selbstmordversuch mitten im lauten Düsseldorfer Karneval bedeutete, so könnte man sagen, einen letzten, radikalen Rückzug ins Private. Hier war Schumann nun ganz für sich, lebte in seiner Welt, hörte gelegentlich fremdartige Musik in seinem Kopf, komponierte dann und wann. Nicht einmal Clara besuchte ihn, wohl weil ihr die Ärzte abgeraten hatten. Erst im September des Jahres kam ein Briefwechsel in Gang, der bis Mai 1855 andauerte. Die Klarheit und Poesie der Briefe Roberts erstaunen angesichts des Bildes, das man sich gemeinhin von seinen letzten Monaten macht. Zwei Tage vor seinem Tod besuchte ihn seine Frau zum ersten und letzten Mal. Mit dem Begräbnis begann Schumanns Nachleben: der diesmal unumkehrbare Weg von der privaten zur öffentlichen Existenz. Als der kleine Trauerzug Bonn erreichte, berichtet der Dichter Klaus Groth, schien "die ganze Bevölkerung Bonns vollzählig versammelt zu sein, plötzlich, wie auf Nachricht von einem großen Unglück, Brand oder Erdbeben. Der schön gelegene Kirchhof war schwarz bedeckt von Menschen. Es war das Begräbnis eines Fürsten der Kunst."

Rechtzeitig zum Jubiläumsjahr beleuchten zwei wichtige Neuerscheinungen die Endenicher Zeit. Bernhard R. Appel hat erstmals die vollständigen Krankenakten aus Endenich herausgebracht. Es kann nun kaum noch ein Zweifel daran bestehen, daß Schumann sich in jungen Jahren mit der Syphilis infiziert hatte, die später zur partiellen geistigen Umnachtung führte. "Heute morgen freiwillig einige Löffelchen Gelée. Urinierte ins Bett" - so lautet der letzte Eintrag des Arztes. Zeitgleich haben Ingrid Bodsch und Gerd Nauhaus das "Blumenbuch" Clara Schumanns im Faksimile ediert, das sie für ihren kranken Mann mit Blumen von ihren Konzertreisen füllte. Die letzten sind "Blätter vom Grabe meines Roberts". Krankenakte und Blumenbuch - ein prosaisch-poetisches Doppelpack, charakteristisch für dieses zwischen Gegensätzen aufgespannte, kurze Leben.

MICHAEL GASSMANN

"Robert Schumann in den Augen der Nachwelt. Zur Schumann-Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert". Stadtmuseum Bonn, bis 8. Oktober.

"Zwischen Musik und Poesie. Robert Schumann - früh und spät". Ernst-Moritz-Arndt-Haus Bonn, bis 8. Oktober. Der Katalog kostet 29,90 Euro.

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