Romantische Reminiszenzen

Süddeutsche Zeitung, 23.05.2006, Ausgabe Deutschland, S. 15
Ressort: Feuilleton


Claudio Abbado dirigiert in Berlin Schumanns "Manfred"

Nachsitzen der Berliner Philharmoniker mit Maestro Abbado, dem Verflossenen, auf dem Konzertpodium? Es geht um ein musikdramatisches Problemstück, das Abbado in den Jahren als Chef des Orchesters nicht dirigiert hat: die so gut wie nie komplett aufgeführte, zwitterhafte, utopisch-spröde Schauspielmusik zu Lord Byrons "Manfred" von Robert Schumann. Der nannte das bizarre Werk für Sprecher, Soli, Chor und Orchester (1848/49) ein "Dramatisches Gedicht". Abbado stellt dieses Opus 115, von dem nur die Ouvertüre überlebt hat, neu zur Diskussion und leistet damit zum Schumann-Jahr einen Beitrag, den so authentisch vielleicht nur er vorbringen kann. Denn seine Affinität zu dem deutschen Komponisten hat mit jener heftigen Neigung zu Poesie und Dichtung zu tun, die auch Schumann und die Frühromantiker beflügelte. Und hätte Abbado nicht Bruno Ganz, mit dem er in Berlin einst Luigi Nonos "Il canto sospeso" realisierte, für die Titel(sprech)rolle gewinnen können, er hätte das Stück wohl nicht gemacht.

Die rätselvoll symbolische Handlung ist in einer Schweizer Bergregion angesiedelt. Ein charismatischer Einzelgänger des übersteigerten Ich-Bewusstseins, ein zwischen Schuld und heroischer Selbstbehauptung Zerrissener, Bruder des rastlosen Faust - das ist dieser Manfred, Idol einer ganzen romantischen Generation von einst. Bruno Ganz, der die Rolle spielt, sie mit dem Textbuch in der Hand rezitiert und dennoch empfindsam durchlebt, fügt dem Rebellentum das Selbstquälerische und diesem das Leise und Sanftmütige hinzu. Doch selbst er kann das Stück nicht dramatisch mit Leben erfüllen.

Alpenkuhreigen

Franz Liszt war es, der 1852 die szenische Uraufführung am Weimarer Hoftheater dirigierte - und den "Manfred" zu Schumanns Leidwesen für den Konzertsaal weiter empfahl. Deshalb scheint die halbszenische Raumkonzeption in der Berliner Philharmonie, wie sie Carl Philipp von Maldeghem sich ausgedacht hat, die richtige Idee gewesen zu sein. Scharouns multiperspektivischer Saal wird szenisch sachte genutzt, gemalte Tafeln, Licht, Farben, Projektionen, Spielflächen suggerieren Schauplätze. Der Raum selbst versinkt à la Opernhaus im Dunkel, die Orchestermusiker spielen an beleuchteten Pulten. Im Fokus stehen, laufen oder liegen hingestreckt die Solisten: hinter dem Orchester erhöht auf schmaler Plattform der Manfred des Bruno Ganz, knapp unterhalb, nach dessen Eingangsmonolog ("Nicht der Erkenntnis Baum ist der des Lebens"), das zur Hilfe gerufene Geisterquartett. Später treffen Nemesis (Barbara Sukowa) und die Alpenfee (Dörte Lyssewski), Ariman (Kurt Azesberger) und ein Geist (Jens Harzer) auf ihn. Der Chor des Bayerischen Rundfunks singt sich in kurze wilde Turba-Passagen hinein.

Seine Seelenpein treibt den Helden hoch hinauf aufs Jungfrau-Joch, von wo er sich in die Tiefe stürzen will - Bruno Ganz erklimmt in der Berliner Philharmonie die höchsten Ränge im Block K, von wo etwa ein Englischhorn die sanfte Weise eines "Alpenkuhreigens" hinab bläst. Manfred wird gerettet, ein Abt (Peter Fitz) sucht ihn heimzuholen in den christlichen Glauben, er stirbt ungetröstet - Vorwegnahme des künftigen Existenzialismus im 20. Jahrhundert. Großartig die Abschieds- und Todesmusik mit Orgelklang, das geisterhaft verhauchte Endspiel einer anrührenden musikalischen Einfachheit.

Abbados Wahl des schwierigen "Manfred" ist historisch gesehen konsequent, immerhin führte er in Berlin zweimal Schumann-Goethes "Faust"-Szenen auf, und seine literarisch-philosophischen Jahreszyklen beim Orchester bleiben in Erinnerung. Abbados Verständnis der Schumann-Partitur wird belebt von feinster Empfindsamkeit und Intelligenz, und fein gewirkt erscheint sie im äußerst durchsichtigen Gewebe des Orchesterspiels. Die Musik selbst, ihre Präsenz in den 15 Nummern des Stücks, wird allerdings im Laufe der Aufführung zunehmend spärlicher, flüchtiger: Da genügen ein paar knappe Orchesterflächen, dort poesievolle Tontupfer oder ein kurzes Aufbrausen, um dies Klang-Wort-Sinn-Geflecht zu erhellen. Nietzsche nannte Schumanns "Manfred" einen "Missgriff und Missverständnis bis zum Unrechte". Das Stück wird hier gewiss nicht fürs Repertoire "gerettet", doch will man Schumanns innersten poetischen Wesens wenigstens im Gedenkjahr ansichtig werden.

Wie eine vertrauliche Introduktion zu dem zerrissenen "Manfred" mussten Wagners fünf "Wesendonck-Lieder" wirken, komponiert im Jahr nach Schumanns Tod, die in "Tristan"-Nähe Zauberbilder und Visionen der Liebe beschwören, den Weltschmerz und die Träume. Abbado und die Berliner zauberten ihrerseits Abstufungen des leisen, schmerzvoll gebrochenen Tons mit einer Nuancierungskunst des "Übergangs" ohnegleichen hervor, und Anne Sofie von Otters kostbarer, in der Mittellage etwas schwächer tragender Mezzosopran wirkte daneben fast "gesund" in seiner Deklamationsklarheit.

Ein Konzert wie eine Séance romantischer Reminiszenzen, auch des Rückblickens Claudio Abbados auf "sein altes" Orchester und des sichtlich angerührten Publikums auf ihn, der dem Orchester von 1989 an, durch zwölf Jahre hindurch, eine ästhetische Öffnung verordnet hatte, von der noch Sir Simon profitiert.

WOLFGANG SCHREIBER