Robert Schumann op. 42

Frauenliebe und Leben. Acht Lieder Adelbert von Chamisso für eine Singstimme und Klavier op. 42

Nr. 1 „Seit ich ihn gesehen“ (Larghetto)
Nr. 2 „Er, der Herrlichste von Allen“ (Innig lebhaft)
Nr. 3 „Ich kann's nicht fassen, nicht glauben“ (Mit Leidenschaft)
Nr. 4 „Du Ring an meinem Finger“ (Innig)
Nr. 5 „Helft mir, ihr Schwestern“ (Ziemlich schnell)
Nr. 6 „Süßer Freund“ (Langsam, mit innigem Ausdruck)
Nr. 7 „An meinem Herzen, an meiner Brust“ (Fröhlich, innig)
Nr. 8 „Nun hast du mir den ersten Schmerz getan“ (Adagio)

Als sein „Liederjahr“ bezeichnet Schumann das Jahr 1840, in dem er nach langen, Nerven aufreibenden Querelen mit seinem ehemaligen Lehrer Friedrich Wieck endlich dessen Tochter und Schülerin, die Pianistin Clara Wieck, heiraten darf. Schon Monate vor dem Hochzeitstermin im September 1840 schreibt Schumann in der ihm eigenen eruptiven Art eine Fülle von Liedkompositionen. Zwölf Jahre lang hat er sich mit dieser Gattung nicht beschäftigt. Seine ersten, vor 1840 komponierten und veröffentlichten Werke gehören ausschließlich dem Bereich der Klaviermusik an. Jetzt, in der Hochstimmung des Jahres 1840 entsteht mehr als die Hälfte seiner sämtlichen Sololieder.

Von dem französischen Lyriker, Erzähler und Naturforscher Louis Charles Adélaïde Boncourt Chamisso, genannt Adelbert von Chamisso (1781-1838), vertont Schumann in seinem „Liederjahr“ insgesamt 17 Gedichte. Als Textvorlage für den letzten Liederkreis dieses Jahres wählt er Chamissos 1830 geschriebene Dichtung Frauenliebe und Leben. Im Juli 1840 skizziert er Vertonungen dieser Gedichte, deren zyklische Konzeption ihm bereits durch den Text vorgegeben scheint. Chamisso spannt erzählerisch einen Bogen um Freuden und Leiden einer liebenden Frau und Mutter.

In verklärt idealisiertem Stil schildert er die erste Begegnung der jungen Frau mit dem Geliebten, das Hochzeitsfest, die Geburt des Kindes sowie den Tod des Ehemanns bis hin zur Hochzeit der Enkelin. Von den neun Gedichten Chamissos vertont Schumann nur die ersten acht. Den im abschließenden Teil dargestellten tröstlichen Ausblick auf den beginnenden Ehe-Lebensweg der Enkelin lässt er aus. Am Text selbst nimmt Schumann nur geringfügige Änderungen vor, streicht wohl von Nr. 6 eine komplette Strophe. Im Mai 1843 ordnet Schumann seinen Liederkreis für den Drucker. Kurz darauf erscheint Frauenliebe und Leben als op. 42 bei Whistling in Leipzig.

Im ersten Lied „Seit ich ihn gesehen“ folgt Schumann der zweistrophigen Anlage. Während sich der gedämpfte, die unglückliche Zerrissenheit der jungen Frau widerspiegelnde Ausdruck in überwiegend deklamatorischer Stimmführung und mit gemessenem Rhythmus vollzieht, schimmert dennoch jener freudigerregte Zustand des Frisch-Verliebtseins durch. Die Melodie wird schwingender, die Stimmung heller und der Rhythmus lockerer, um insbesondere die als Enjambement verbundenen Kernzeilen des Gedichts „Wie im wachen Traume schwebt sein Bild mir vor“ hervorzuheben. Dem überschwänglichen Porträt des Angebeteten dient die Nr. 2 „Er, der Herrlichste von Allen“.

Indem er hier die überwiegend durchkomponierte Liedform wählt, vermittelt Schumann die gesamte Palette der Stimmungsschwankungen jener noch heimlich liebenden Frau. Schumann hält den Spannungsbogen bis ins Nachspiel aufrecht, durch dessen nachdenklichen Duktus er nochmals die komplizierte seelische Verfassung der Liebenden unterstreicht. Die überwältigende Erfüllung des ersehnten Glücks vollzieht sich im Traum der Frau in „Ich kann's nicht fassen, nicht glauben“ (Nr. 3). Mit Leidenschaft vorzutragen, harmonisch aufregend und mit intensivierten Ausdruck schildert Schumann deren nunmehr freudig aufgewühlte Psyche, gipfelnd in der expressiv gestalteten Aussage „Ich bin auf ewig dein“.

Gewissheit erhält das bisher nur im Traum beschworene Glück erst im vierten Lied „Du Ring an meinem Finger“. Durch dessen geschickte Konzeption folgt Schumann der inhaltlich vorgegebenen Disposition: Das textlich und musikalisch gleiche „Gespräch“ mit dem Ring in der ersten wie in der letzten Strophe verleiht dem Lied einen Rahmen. Für die diesen beiden gedanklich nahe stehende dritte Strophe modifiziert Schumann seine musikalische Grundsubstanz nur stellenweise, wodurch gerade diese Strophe auch durch ihr feierliches Es-Dur und ihre ausgewogene Kantabilität zum dominierenden Zentrum avanciert.

Während die zweite Strophe in ihrem reduzierten Ausdruck an die Trostlosigkeit vergangener Zeiten erinnert, setzt die vierte musikalisch geradezu emphatisch das im Text geschilderte schwärmerische Hochgefühl um. Diese Stimmung trägt Schumann in den lebhaft-schwungvollen Impetus des fünften Liedes „Helft mir, ihr Schwestern“ hinein. Auch hier gestaltet er die sich abwechselnd auf die Hochzeitsvorbereitungen und den Geliebten beziehenden Strophen unterschiedlich. Wellenartig bewegte Begleitfiguren des Klaviers und tänzerische Rhythmen in der Melodieführung bleiben typisch für das gesamte Lied, in dessen kleinem Nachspiel wie aus der Ferne ein Hochzeitsmarsch anklingt.

Die baldige Mutterschaft kündet sich im Gedicht zu „Süßer Freund“
(Nr. 6) an, von dem Schumann nur vier Strophen übernimmt. Das Streichen der dritten Strophe hält die Vertonung emotional dichter an der zukünftigen Mutter und betont die Sphäre des Intimen. Musikalisch betritt Schumann hier eine neue Ausdrucksebene, vorbereitet bereits durch den Wechsel der Grundtonart von den bisherigen B-Tonarten zum klaren G-Dur. Im übrigen bleibt die dominierende, rezitativisch agierende Singstimme während des gesamten Liedes einem eher kontemplativen Grundgestus treu. Voll überströmender Gefühle zeigt sich im folgenden Lied „An meinem Herzen, an meiner Brust“ (Nr. 7) das ganze Ausmaß des Mutterglücks.

Ein überwiegend syllabischer und rhythmisch erregt vorwärts drängender Verlauf der Singstimme sowie eine weit schwingende 16-tel-Bewegung im Klavierpart versinnbildlichen musikalisch den Text, dessen Idyll im achten Lied „Nun hast du mir den ersten Schmerz getan“ abrupt endet. Die Konfrontation mit dem plötzlichen Ableben des Ehemannes, der jähe Wech¬sel vom Hochgefühl zum niederschmetternden Ausdruck passen gut ins romantischen Denken jener Zeit. In seiner Eindringlichkeit lässt Schumann die Härte der Situation in einem schmucklosen, auf Wortverständnis zielenden Tonsatz spürbar werden. Ein tröstender Gedanke an das im Herzen der Frau weiter lebende Glück wird musikalisch nur knapp gestreift. Das Aufgreifen der Grundstrophe aus dem ersten Lied im Klaviersatz schlägt den Bogen zum Anfang der Geschichte zurück und bestätigt die zyklische Geschlossenheit des Liederkreises Frauenliebe und Leben.

(Irmgard Knechtges-Obrecht)

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