Robert Schumann op. 21

Novelletten op. 21


„...weil du Clara heißest und Wiecketten nicht gut genug klingt“, begründet Robert Schumann in einem Brief an seine Braut Clara Wieck die Wahl des Titels zu seiner Sammlung op. 21. Die von ihm bewunderte englische Sängerin Clara Novello machte im Konzertwinter 1837/38 in Leipzig insbesondere durch ihre Händel-Interpretationen Furore. In einem geschickten Kunstgriff, der sichtbar ist für diejenigen, die den eigentlichen Hintergrund nicht kennen, bezieht sich Schumann aber gleichzeitig auf die literarische Gattung der „Novelle“, durch deren Diminutiv er den wohl deutlichsten Hinweis auf den erzählenden Charakter seiner Klavierstücke gibt.


Das Jahr 1838 gilt durch die Komposition mehrerer großartiger Werke als Höhepunkt in Schumanns früher Klavierperiode. So entstanden im Frühjahr eine Anzahl Klavierstücke, von denen acht im Sommer 1839 als Novelletten op. 21 gedruckt wurden. Ursprünglich sollte die Sammlung „Friedrich Chopin in Freundschaft zugeeignet“ und „Mit einem Anhang von Kindergeschichten“ versehen werden. Dieser „Anhang“ beschritt letztlich seinen Weg in die Öffentlichkeit selbstständig und unter dem Titel Kinderszenen op. 15. Op. 21 wurde schließlich nicht Chopin, sondern dem mit Schumann befreundeten Komponisten und Pianisten Adolph Henselt gewidmet.
Spiegeln die zeitgleich entstandenen Kreisleriana op. 16 Schumanns seelische Zerrissenheit sowie seine vielfach bedrohte Liebe zu Clara Wieck wider und üben die Kinderszenen op. 15 eine durchaus beruhigende Wirkung aus, so erzählen die Stücke aus op. 21 laut Schumanns eigener Beschreibung „größere zusammenhängende abenteuerliche Geschichten“. „Spaßhaftes, Egmontgeschichten, Familienscenen mit Vätern, eine Hochzeit, kurz äußerst Liebenswürdiges“, skizzierte er seiner Braut Clara im Februar 1838 den Inhalt.

Nach außen hin geradezu humorvoll, aber mit durchaus ernstzunehmendem Hintergrund wird somit ein autobiographischer Zusammenhang hergestellt: Schumanns Auseinandersetzungen mit Friedrich Wieck („Familienscenen mit Vätern“), sein zunächst nicht von Erfolg gekröntes Werben um Clara („Egmonts“ Kampf um „Clärchen“) und die dennoch weiterhin erhoffte Heirat („Hochzeit“). Besonders innig zeigt sich dies vor allem in der Novellette Nr. 8, deren „Stimme aus der Ferne“ im Trio II einer Passage des „Notturno“ aus Clara Wiecks 1836 erschienenen Soirées musicales op. 6 (Nr. 2) ähnelt.


Einige Novelletten bringt Schumann darüber hinaus in literarischen Kontext: So nennt er Nr. 2 in einer für Franz Liszt bestimmten Reinschrift „Sarazene“ und „Suleika“ (letzteres in Anlehnung an Goethes West-östlichen Divan). Das „Intermezzo“ aus der Novellette Nr. 3 erscheint als Vorabdruck bereits im Mai 1838 in der von Schumann redigierten Neuen Zeitschrift für Musik, versehen mit einem Motto aus der Hexenszene in Shakespeares Macbeth.
Trotz dieser außermusikalischen Bezüge lässt sich jedoch keine echte programmatische Bindung erkennen. Schumann folgt vielmehr rein musikalischer Logik. Die erste Novellette ist wie ein Rondo aufgebaut, wobei der marschartige Teil dominiert. Die zweite sendet er nicht ohne Grund an Liszt, ist sie doch – „Äußerst rasch und mit Bravour“ zu spielen – das effektvollste Stück der Sammlung, während in der so genannten „Macbeth“-Novellette heiterer Humor vorherrscht und nur der dämonische Mittelteil „Intermezzo“ zum hexenhaften Motto passt. Das vorletzte Stück erinnert in seinem kantablen Mittelteil an ein Lied in Schubert‘scher Manier.

Die achte und letzte Novellette ist ein komplexes und vielfältig ausgestaltetes Stück. Sie wurde dem Zyklus offensichtlich erst kurz vor der Drucklegung hinzugefügt und zeigt Schumanns Bemühen, eine deutliche Finalwirkung zu erzielen. Motivische Elemente aus dem vorangegangenen Geschehen werden aufgegriffen, um die zyklische Konzeption zu bestätigen. Als glanzvollen Abschluss dieses letzten Stückes wie des gesamten Werkes steigert Schumann Claras „Stimme aus der Ferne“ im hymnischen Gestus und lässt anschließend Elemente früherer Abschnitte quasi reprisenartig erklingen.

(Irmgard Knechtges-Obrecht)


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