Robert Schumann op. 20

Humoreske für Klavier B-Dur op. 20

Während seines Aufenthaltes in Wien entdeckte Schumann Ende 1838 bedeutende Manuskripte Franz Schuberts in den von dessen Bruder Ferdinand aufbewahrten Nachlassbeständen. Aufsehen erregend war Schumanns Fund der Partitur von Schuberts großer C-Dur-Sinfonie, die er zur Uraufführung unverzüglich nach Leipzig zu Mendelssohn Bartholdy schickte. Angeregt durch das Studium dieses grandiosen Orchesterwerks, begann Schumann mit einer erneuten Betätigung auf dem Gebiet der sinfonischen Musik. Seit der 1832-33 skizzierten, aber nicht vollendeten Sinfoniekonzert in g-moll hatte Schumann sich ausschließlich dem Klavier gewidmet. Nun versuchte er sich im Frühjahr 1839 an einem sinfonischen Werk in c-moll und an einem Klavierkonzert in d-moll, von dem nur der erste, Fragment gebliebene Satz erhalten ist. Doch abermals konnte Schumann seinen eigenen, an eine Orchestermusik gestellten Postulaten nicht gerecht werden und kehrte doch zunächst wieder zur Klaviermusik zurück. Noch immer trachtete er danach, auf diesem Gebiet die Gestaltungsmöglichkeiten auf revolutionäre Weise zu erweitern. So entstanden auch jetzt zwei Werke, die neuartig und eigenwillig zugleich wirken: Der Faschingsschwank aus Wien op. 26 und die Humoreske op. 20.

Letztere komponierte Schumann im Februar seines sich zum Ende neigenden, für ihn unbefriedigend verlaufenen Wien-Aufenthalts. Den Titel seiner neuen Klavierkomposition entlehnte er einer populären literarischen Gattung der Zeit, deren Anforderungen er tatsächlich ins Musikalische übertragen wollte. Grundsätzlich verstand Schumann unter „Humor“ etwas anderes, als man vielleicht vermuten möchte. Schon seinem französischen Verehrer Simonin de Sire versuchte er zu erklären: „Auch das Wort Humoreske verstehen die Franzosen nicht. Es ist schlimm, daß gerade für die in der deutschen Nationalität am tiefsten eingewurzelten Eigenthümlichkeiten und Begriffe wir für das Gemüthliche (Schwärmerische) und für den Humor, der die glückliche Verschmelzung von Gemüthlich und Witzig ist, keine guten und treffenden Worte in der französischen Sprache vorhanden sind.“

Wenig später bezeichnete Schumann seine Humoreske als „wenig lustig und vielleicht mein Melancholischstes“. Mit „gemütlich“ meinte er eine tief gehende, aber keineswegs gefühlsselige Empfindung, mit „witzig“ eine von Scharfsinn und Einfallsreichtum geprägte Fähigkeit, abwegige Gegensätze miteinander in Beziehung zu bringen. Auf keinen Fall jedoch vordergründiges Lachen erregende Späße. Wie er versuchte, diese tiefer greifende Art des Humors musikalisch einzulösen, beschrieb Schumann seiner Braut Clara im März 1839 folgendermaßen: „Die ganze Woche saß ich am Clavier und componirte und schrieb und lachte und weinte durcheinander; dies findest Du nun Alles schön abgemahlt in meinem Opus 20, d.[er] großen Humoreske, die auch schon gestochen wird“. Diese Gegensätzlichkeit einerseits und glückliche Verschmelzung andererseits personifizieren im Grunde in ihrer Doppelnatur die beiden imaginären Gestalten Florestan und Eusebius.

Die formale Konzeption der einsätzigen Humoreske lässt sich nicht auf eine konkretes Muster festlegen. Vielmehr vermischt Schumann hier Elemente verschiedener Formtypen zu einem eigenwilligen Ganzen, worin sich bereits der Humor zeigt. Scherzo, Rondo, Etüde aber auch Tanzmodelle reichen sich hier in ungewohnter Kombination die Hand. Ebenso abwechslungsreich werden in raschem Wechsel jene dem Humor entsprechenden schroffen Kontraste in Tempo, Ausdruck und Dynamik herausgearbeitet. Auch in rhythmisch-metrischer Hinsicht tauchen scheinbar vollkommen unangemessene Muster auf, mit denen Schumann den Hörer überraschen und irritieren zugleich will. Dennoch unterliegt dieses gesamte humorvolle Spiel einem wohl durchdachten inneren Beziehungsgeflecht, das durch subtile motivische und formale Verbindungen geknüpft wird.

Zum Bereich versteckter Anspielungen und Geheimnisse passt auch ein weiteres bemerkenswertes Detail der Humoreske: Eine von Schumann „Innere Stimme“ genannte Melodie, die zwischen den Takten 251 und 274 auf einem dritten mittleren Notensystem erscheint, nicht mitgespielt wird und daher nur dem Notenlesenden gegenwärtig ist. Schumann folgt hier seiner Tendenz zur „Augenmusik“, die sich in einigen anderen Klavierwerken ebenfalls wiederfindet (beispielsweise die „Sphinxes“ im Carnaval op. 9). Diese Praxis kommt einem synästhetischen Ansatz bei der Komposition entgegen, die nicht nur das Ohr ansprechen, sondern auch visuelle Momente einbeziehen möchte.

Die 1839 bei Mechetti in Wien veröffentlichte Humoreske op. 20 ist Julie von Webenau gewidmet. Diese junge Pianistin und Komponistin war eine Schülerin, später auch die Geliebte des jüngsten Mozartsohnes Franz Xaver „Wolfgang“ Mozart und eine Weile wohl auch an Schumann sehr interessiert. Dieser hatte sie und den Mozartsohn 1839 während seines Aufenthaltes in Wien kennengelernt.

(Irmgard Knechtges-Obrecht)

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