Robert Schumann op.2

Papillons op. 2

Introduzione. Moderato · Nr. 1 · Nr. 2 Prestissimo · Nr. 3 · Nr. 4 Presto · Nr. 5 · Nr. 6 · Nr. 7 Semplice · Nr. 8 · Nr. 9 Prestissimo · Nr. 10 Vivo · Nr. 11. · Nr. 12 Finale

Zwischen 1829 und Januar 1832 schrieb Robert Schumann zahlreiche tanzartige Stücke, von denen er einige „Papillons“ oder „Papillote“ nannte. Als er schließlich damit begann, aus dem Fundus dieser Skizzen eine druckbares Opus zusammenzustellen, kam ihm wohl der Gedanke, dass sich in diesem Walzerreigen Teile der Handlung des Romans Flegeljahre von Jean Paul widerspiegeln. Gerade die beiden Protagonisten dieses Bildungsromans, das Brüderpaar Walt und Vult, hatten es Schumann von jeher angetan, konnte er doch sein eigenes, oftmals gespaltenes Seelenleben mit deren Charakteren identifizieren. Weiteres musikalisches Material lieferten jene 1828 in Zwickau komponierten, von Schubert beeinflussten und zu Schumanns Lebzeiten unveröffentlichten vierhändigen Polonaisen. Die schließlich im April 1832 als op. 2 bei Friedrich Kistner in Leipzig unter dem Titel Papillons erschienenen zwölf kleinen Tonbilder leben von tänzerischen Rhythmen und überraschenden Ausdruckswechseln.

Nach wenigen unisono und in Akkordbrechungen geführten Einleitungstakten (Introduzione) folgt eine zierliche Miniatur im Ländler-Stil, auf deren Hauptmotiv Schumann im weiteren Verlauf immer wieder zurückgreift. Dem kurzen zweiten Stück „Prestissimo“ aus vorüberhuschenden Sechzehnteln schließt sich in Nr. 3 eine als Kanon fortgeführte, markante Bass-Melodie an, die ihrerseits durch ein graziös-tänzerisch bewegtes „Presto“ abgelöst wird, dessen sehnsuchtsvoller Gestus lange nachklingt.
Heiter-beschwingte Partien wechseln im fünften Stück mit eher kraftvollen ab. Prägnante harmonische Spannungen treten erstmals auf und werden im folgenden Stück noch intensiviert. Während in Nr. 7 „Semplice“ eine gemäßigte, feierliche Haltung dominiert, erinnert der brillante Tanz des folgenden Stücks stark an die seinerzeit beliebten Ländler Franz Schuberts. Leidenschaftlich-erregt jagt die Nr. 9 im „Prestissimo“ dahin, dessen dramatisch-fliehenden Motivik vom nächsten Stück („Vivo“) kurz aufgegriffen wird. Im übrigen lebt die gesamte Nr. 10 von zahlreichen Zitaten aus allem bisher Gehörten sowie von plötzlich einsetzenden Kontrasteffekten. Nr. 11 ist das umfangreichste Stück der Sammlung. Nur wenige schwungvolle Einleitungstakte führen zu einer temperamentvollen Polonaise, in deren Mitte sich ein lyrischer „Più lento“-Abschnitt poetisch absetzt.

Auf besonderen Effekt zielt die Ausstattung des letzten Stücks Nr. 12, zeigt sich doch hier intensiv Schumanns erste musikalische Auseinandersetzung mit dem literarischen Werk des von ihm überaus geschätzten Dichters und Schriftstellers Jean Paul. Passagen der Papillons lassen sich – mit aller Vorsicht – auf einzelne Szenen des Schlusskapitels aus Jean Pauls Roman Flegeljahre beziehen. Schumanns autograph belegte Äußerungen gestatten vor allem für das Finale derartige Rückschlüsse. Musikalisch gestaltet er die Szene in farbenfrohen, humorvollen, beinahe grotesken Bildern. Nachdenkliche Stimmungen wechseln mit vitalen, kämpferischen und heiteren ab. Mehrfach zitiert Schumann hier den in der romantischen Denkweise als ausgesprochene „Philistermusik“ verlachten Großvatertanz, der später im Carnaval op. 9 wieder erscheint. Plump und schwerfällig setzt sich dessen Thema gegen das leicht vorüberflatternde, ländlerartige zweite Motiv ab, um letztlich mit diesem spurlos zu verschwinden. Ganz so, wie auch im Roman Vult dem Bruder Walt am Ende entflieht. Nachdem sich Schumanns musikalische Gedanken Takt für Takt langsam verflüchtigt haben, markiert er den Schluss seiner Papillons auf eine besonders eindrucksvolle und in der Musikgeschichte neuartige Weise durch eine Akkord-Reduktion: Ein Ton nach dem anderen wird aus dem arpeggiert angeschlagenen Dominantseptakkord von unten nach oben aufgehoben, bis am Ende nur noch der Grundton a übrig bleibt.

(Irmgard Knechtges-Obrecht)

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