Robert Schumann op.133

Robert Schumann: Gesänge der Frühe. Fünf Klavierstücke op. 133

I. Im ruhigen Tempo.
II. Belebt, nicht zu rasch.
III. Lebhaft.
IV. Bewegt.
V. Im Anfange ruhiges, im Verlauf bewegtes Tempo

Den Titel zu seinem op. 133 vermerkt Schumann schon lange vor dessen Komposition. In seinem Projectenbuch notiert er zwischen 1849 und 1851 unter der Rubrik „Compositionen (im Plan)“: „Gesänge der Frühe. An Diotima“. Der Eintrag wird nachträglich mit einem Kreuz versehen, was die Ausführung des Vorhabens bestätigt. Ebenfalls um 1851 erwähnt Schumann in seinem Düsseldorfer Merkbuch dieselben Titel, allerdings in umgekehrter Reihenfolge: „Diotima / Gesänge der Frühe“. Im Herbst 1853 schließlich versetzt die Gesellschaft der genialen jungen Musiker Joseph Joachim und Johannes Brahms in Düsseldorf Schumann in eine Phase künstlerischer Hochstimmung. Jetzt erst skizziert er zwischen dem 15. und dem 18. Oktober 1853 jene fünf Klavierstücke, die er nun Gesänge der Frühe nennt und nur noch im Manuskript „An Diotima“ überschreibt. Aufgrund der wechselnden Reihenfolge in den Quellen lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen, was Titel, Untertitel oder poetisches Motto sein sollte. Fest steht jedoch, dass Schumann den Titel nicht – wie in anderen Fällen – nach der Komposition bestimmte.

Nachdem Schumann wohl zunächst in Erwägung zieht, das erste Stück auszuklammern, forciert er ab Februar 1854 die Drucklegung und sendet kurz vor seinem Selbstmordversuch dem Elberfelder Verleger Arnold die Stichvorlage. Ihm bietet er „5 charakteristische Stücke für Pianoforte, der Dichterin Bettina gewidmet“ an. Durch Schumanns fortschreitende Krankheit bzw. die damit verbundene Einweisung in die Endenicher Heilanstalt verschleppt sich der Publikationsvorgang, so dass seine letzte, zu Lebzeiten gedruckte Klaviersammlung erst im November 1855 erscheint.

Rätselhaft bleibt bis auf den heutigen Tag, wer jene Diotima aus dem ursprünglichen Titel war. Die mit diesem Namen bezeichnete sokratische Liebeslehrerin spielt im ?uvre des Dichters Friedrich Hölderlin (1770-1843) eine bedeutende Rolle. Hölderlin verschlüsselt auf solche Weise seine unerfüllte Liebesbeziehung zu einer verheirateten Frau, die ihn zu zahlreichen Werken inspirierte. Neben einigen An Diotima überschriebenen Gedichten zählt dazu vor allem der Roman Hyperion oder Der Eremit in Griechenland. Schumanns Hinweis lässt jedoch keine direkte Beziehung zu einem dieser Werke erkennen. Während der Komponist in seiner Jugend regen Anteil an Person und Werk des Dichters Hölderlin nahm, ist für die späteren Lebensjahre keine konkrete Rezeption festzustellen. So könnte allenfalls eine Affinität zu bestimmten Grundstimmungen der Diotima-Werke Hölderlins gemeint sein, die mit den musikalischen Tendenzen und verbalen Äußerungen zum Zyklus op. 133 korrespondieren: Schilderungen vom Wechsel zwischen Nacht und Tag, von Sonnenaufgängen, vom beginnenden Morgen sowie vom Erwachen der Liebe zwischen Hyperion und Diotima. Letztlich tilgt Schumann die Diotima-Widmung jedoch vollständig, nachdem ein Besuch Bettine von Arnims, Schwester Clemens Brentanos und Witwe Achim von Arnims, Ende Oktober 1853 bei der Familie Schumann in Düsseldorf ihn vermutlich anregt, sie in der Druckfassung als Widmungsträgerin einzusetzen. Auch die Tatsache, dass die Freunde Joachim und Brahms unmittelbar nach Einsicht des Manuskripts zu op. 133 durchblicken lassen, dass ihnen der Diotima-Hinweis rätselhaft sei, trägt sicherlich zu dessen Eliminierung bei. Nicht zuletzt schließt sich durch die letztlich gewählte Dedikation und Schumanns Formulierung in einem Begleitschreiben an den Verleger Arnold, dass seine Stücke „die Empfindungen beim Herannahen u. Wachsen des Morgens schildern, aber mehr aus Gefühlsausdruck, als Malerei“ der Kreis zwischen Diotima und Bettine. Schumann greift beinahe wörtlich die Anmerkung Ludwig van Beethovens zu seiner Pastoral-Symphonie („Mehr Ausdruck der Empfindung als Mahlerey“) auf. Bettines Bruder Clemens Brentano schrieb nicht nur Gedichte zur Verherrlichung Beethovens, sondern kümmerte sich auch sehr um die Verbreitung der Werke Hölderlins. Bettine selbst wies sich eine bedeutende Rolle im Leben und Werk des 15 Jahre älteren Komponisten zu, die sie in ihrer fantasievollen Weise als romantische Liebesbeziehung darstellte, die in einem von ihr abgelehnten Heiratsantrag gipfelte.

Wie kaum ein anderes Werk repräsentieren die Gesänge der Frühe den für Schumanns letzte Schaffensphase charakteristischen Stil. Eine bereits durch die Tonartenfolge (D-Dur, D-Dur, A-Dur, fis-Moll, D-Dur) erzeugte zyklische Konzeption wird durch die enge Verwandtschaft der Hauptthemen aus beiden Rahmenstücken noch unterstrichen. Mit subtilen Techniken der Transformation, Variation und polyphoner Gegenüberstellung einzelner Motivpartikel erreicht Schumann eine enge Verzahnung aller fünf Stücke, deren Thematik auf einem Kernmotiv basiert, das er zu Beginn im Unisono vorstellt. Weitere Verflechtungen sowie deutliche Reminiszenzen (beispielsweise zwischen den Stücken Nr. 1 und Nr. 2 sowie Nr. 2 und Nr. 4) treten hinzu. Das dritte Stück bildet durch seine größere Ausdehnung in Bewegung und Tonumfang sowie seine prägnant gestaltete Rhythmik den zentralen Höhepunkt. Eine rhythmisch klar strukturierte, meist vierstimmige Akkordik (vor allem in Nr. 1 und Nr. 3) wechselt mit quasi präludierenden Passagen und solchen, in denen melodieführende Stimmen sich eng mit denen der Begleitung verzahnen oder – ganz im Gegenteil – deutlich gegeneinander abgegrenzt sind.

Auch harmonisch öffnet sich ein breites Spektrum: Neben kompliziert modulierenden Passagen stehen solche mit schlichter Struktur. Dem Titel entsprechend trägt op. 133 deutlich vokale Züge. Choralartige Anlage (Nr. 1 und Nr. 5), der Gesang im Duett mit figurativer Klavierbegleitung (Nr. 2), ein Jagdlied mit charakteristischem Hörnerklang (Nr. 3) und der klavierbegleitete Sologesang (Nr. 4) verweisen auf die unterschiedlichsten Typen des Gesanges. In Schumanns ?uvre lässt sich kaum eine vergleichbare Klavierkomposition finden. So mag es nicht verwundern, dass sogar seine Frau Clara Verständnisprobleme zeigt, als sie schrieb: „ganz originelle Stücke wieder, aber schwer aufzufassen, es ist so eine ganz eigne Stimmung darin“. Sie spielt später den Zyklus nie öffentlich, wohl aber im privaten Bereich.
(Irmgard Knechtges-Obrecht)

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