Die Première der Karlschüler. – R. Wagner’s Laubefeier [Dresden 1846]

Vor ein paar Jahren hatte man von Leipzig aus einen schüchternen Anfang gemacht, Schiller’s Geburtstag als geschichtlichen Festtag zu feiern. Nun hatte Heinrich Laube es versucht, unsern nationalen Dichter zum Helden eines Theaterstücks zu machen und trug sich mit der Hoffnung, dasselbe werde am Schillertage gleichzeitig auf allen Hauptbühnen gegeben werden. Diese Hoffnung war zu sanguinisch gewesen, aber drei Theater fanden sich, die an Schillers Geburtstage mit den „Karlschülern“ hervorkommen wollten: Mannheim, München und Dresden. Alles blickte der Aufführung mit Spannung entgegen, alles war begierig zu sehen, wie der verwegene Mann seine Aufgabe gelöst habe. Er kam herüber, der Inscenesetzung beizuwohnen. Emil Devrient spielte den Schiller, Fräulein Bayer, spätere Frau Bürk, die Gräfin von Hohenheim, Frl. Berg die Generalin, Fräulein Lebrun die „Laura“. Der Erfolg war ein bedeutender und durchgreifender. Der Autor wurde nach dem zweiten Acte und im vierten Acte, Fräulein Bayer sogar bei offener Scene gerufen, was in Dresden nicht wenig sagen wollte. Am Schlusse des Stückes mußte der Dichter nochmals vor dem Publicum erscheinen und man ging mit dem Eindruck fort, daß dem deutschen Theater ein wirksames und interessantes Stück gewonnen sei.

Nach dem Theater versammelten wir uns, etwa zwölf Personen, bei Richard Wagner. Der geistreiche Friedrich Pecht, der unlängst mit einem Bilde „die Bekränzung Goethe’s durch Corona Schröter im Park von Tieffurt“ Aufsehen machend hervorgetreten war, der Novellist Robert Heller, der mit Laube aus Leipzig herübergekommen, ferner ein Redacteur R. Schmieder befanden sich unter den Eingeladenen, die den gedeckten Tisch in einer bescheidenen Wohnung umstanden. Nun erschien der zu Feiernde, stramm und in bester Laune. Man nahm Platz, die Unterhaltung war zuerst sehr munter. Man war der Ansicht, während die ersten Platten umhergingen, Laube habe da sein bestes Werk geliefert. Der vierte Act besonders sei eine poetische Production in echt deutschen Sinne.

Richard Wagner hatte sich schon lange auf seinem Stuhle hin- und hergewiegt. Nun begann er die Frage aufzuwerfen, ob man denn nicht, um überhaupt einen Schiller zu schreiben, etwas von Schillers Genius haben müsse? Diese Frage war häßlich, man vermittelte, man widersprach, nun aber schritt Wagner immer entschiedener zum Angriff vor. Es sei doch nur ein wohlcomponirtes Intriguenstück in Scribe’schem Geiste, in welchem einige sehr pikante Scenen – namentlich jene, wo Schiller die Fürstengruft in Gegenwart des Fürsten vorlesen muß – herumschwimmen. Es löse keineswegs die Aufgabe, wie wir sie bei einem Drama voraussetzen, dessen Held der schwungvollste und populärste Dichter des deutschen Volkes sei.

Dies war vielleicht in der That wahr, es war aber außerordentlich widrig, solche Kritik aus dem Munde des Gastgebers in einem Kreise zu vernehmen, der ja den heutigen Abend hatte feiern wollen. Mit solcher Schärfe zu urtheilen, wo ein ganzes Publicum sich zufrieden erklärt hatte – das war eine seltsame Ovation! Aber Richard Wagner ließ sich nicht stören. Er behauptete weiterhin, daß der Fürst im Stücke seine Grundsätze mit Gründen rechtfertige, die erst eine absolutistisch gesinnte Geschichts=Philosophie von heute zusammengeklügelt, und schließlich, daß Laube dem theatralischen Effect zu Liebe über alle Wahrscheinlichkeit hinaus gegangen sei.

Solche Nichtachtung alles gesellschaftlichen Brauches machte sich allen fühlbar, nur der „Festgeber“ empfand sie nicht oder setzte sich über sie hinweg. Immer unbehaglicher wurde das Beisammensein. Zudem schien etwas in der Auffahrt des Mahles nicht zu klappen. Wagner war unruhige Blicke nach allen Seiten und wurde immer unwirscher. Seine Frau hatte sich ihm genähert. „Nun, liebes Weibchen?“ fragte er mit einem grimacirten Lächeln. Und während die eine, der Gesellschaft zugekehrte Gesichtshälfte noch lieblich lächelte, veränderte sich die andere, und aus der anderen Mundecke pfiff es mit unterdrückter Wuth: „na, wo bleibt denn der verfluchte Champagner?“ Dabei war er ihr ganz nahe gerückt, seine Finger kniffen ihren Arm.

Der ersehnte Eiskübel kam. Nun wurde wieder eingelenkt, ein beglückwünschender Toast sollte alles wieder gut machen, aber nichts wollte mehr verfangen, man leerte die Gläser und ging verstimmt auseinander. Ich war mit Laube fortgegangen und irrte mit dem ganz unmuthig Gewordenen noch lange in den stillen, schwarzen Gassen am Flusse umher.

Am andern Tage kam die Nachricht, daß die „Karlsschüler“ am selben Tage in Mannheim und in München gegeben seien und auch dort einen vollen Erfolg gehabt hätten.

 

Im Auftrag der Projektleitung des Schumann-Netzwerks digital für das Schumannportal erfasst von Petra Sonntag, StadtMuseum Bonn, Februar 2013 aus: Alfred Meißner: Geschichte meines Lebens, I. Band, 3. unveränderte Auflage, Wien und Teschen: Verlag der k.k. Hofbuchhandlung Karl Prochaska, 1884, S. 175 ff.

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