Carolin Widmann - Musikerin aus Leidenschaft

Aus Anlass des vielbejubelten Erscheinens der von Carolin Widmann gespielten späten Violinsonaten von Robert Schumann führte Arnt Cobbers für Partituren ein Interview und „Aufnahmenratespiel“  mit der Künstlerin. Die Fragen sind jeweils fett gedruckt.


Partituren
September/Oktober 2008
Seite 70 bis 73

Blind gehört mit Carolin Widmann

Carolin Widmann ist dauernd auf Achse. Wenn sie nicht gerade auf Konzertreise ist, pendelt die gebürtige Münchnerin zwischen London und Leipzig, wo sie seit 2006 eine Professur an der Musikhochschule innehat. Trifft man die 32-jährige, merkt man sehr schnell: Diese Frau hat Energie – und ist Musikerin aus Leidenschaft. Nun sitzt sie ganz gespannt vor ihrer Stereo-Anlage, in der Hand die Fernbedienung, mit der sie manchmal vorspult oder zum nächsten Satz springt. Bei der ersten CD hört sie erst einmal eine Weile zu, dann aber kommentiert sie viele Details direkt während des Hörens. Sie hat offensichtlich alle Partituren detailliert im Kopf.

1 Eugène Ysaÿe: Sonate g-moll op. 27 Nr. 1
Thomas Zehetmair 2002
ECM New Series 1835   472 6872

Der Anfang ist mir zu schnell als Einstieg in einen solchen Zyklus. Und alles zu martialisch, zu großer Ton, zu viel Vibrato. Erst jetzt, nach über zwei Minuten, hat er oder sie angefangen, mal ein bisschen nachzugeben. Ich dachte schon fast, er oder sie wäre vielleicht gar nicht fähig zu einem schönen Piano. Ist er aber doch. Das ist wahrscheinlich ein Wahnsinns-Geiger. Darf ich wild rumspringen? (2. Satz) Schön gespielt! … Ich würde das alles einfacher, simpler, leiser machen. Ysaÿe schreibt so oft „semplice“, er macht es so schlicht – und dann sollte man’s auch so stehen lassen. Ein sehr schönes Instrument. … Schön die Stimmführung, alles intelligent beachtet … (3. Satz) Wieso da schon wieder ein Glissando? Ich würde auch hier weniger Vibrato machen. Aber trotzdem saugut gespielt.

Haben Sie einen Verdacht, wer es ist?

Ein Russe? Dann weiß ich’s nicht. Zehetmair? Das hätte ich nie gedacht, vor allem wegen dieses mächtigen Klangs, dieses Heroische kenne ich überhaupt nicht von ihm. Er hat einen ganz anderen Ansatz in diesen Stücken als ich, er sieht sie als romantische Musik. Aber jetzt, wo sie es sagen: Dieser Klang von ECM, dieser Raumklang, ist schon sehr speziell und hat was Faszinierendes.

2 Maurice Ravel: Sonate für Violine und Violoncello
Nigel Kennedy, Lynn Harrell 1999
EMI 5 56963-2

Der Anfang ist so schwer fürs Cello, alle Cellisten haben Angst davor, das hab ich vor zwei Wochen erst gespielt. Nicht ganz sauber hier – aber das ist auch sauschwer, vergebe ich jedem … Warum jetzt langsamer? Ich finde die Synkopen noch schöner, wenn sie im Tempo durchgehen. Aber das sind Kleinigkeiten. Insgesamt sehr fein musiziert, nicht auf Effekt aus – und das kann bei so einem Stück tödlich sein. (2. Satz) Gutes Pizzicato [des Geigers], das kommt sonst oft so schwach. … Jetzt muss man umblättern … Sehr gut, die trauen sich was. (3. Satz) Dieser Satz ist so heikel, weil da so wenige Notzen sind. [Geige setzt ein] Der Geiger macht viel weniger Vibrato als der Cellist, find ich besser. Schön hauchig auf der G-Saite. Diese Glissandi würde ich alle nicht machen. Ich bin offenbar ein Feind von Glissandi und Vibrato, die Melodie wäre doch viel schöner ohne. … Gut! Das ist sauschwer da oben auf der G-Saite. Sehr schön. (4. Satz) Warum so laut? … Jetzt steht erst fortissimo in den Noten … Aber sehr gut gespielt! Geschmackvoll, die trauen sich, an Extreme zu gehen. Sie halten all das ein, was im Notentext steht, ohne effekthascherisch zu sein. Präzise, spannend, schön! Keine Ahnung, wer das ist.

Keine Effekte, sagen Sie?

(lacht!) Jetzt ist es wahrscheinlich der totale Showtyp.

Nigel Kennedy. Mit Lynn Harrell.

Von dieser Aufnahme habe ich schon viel gehört. Ich mag Kennedy sehr. Wenn er Lust hat, kann er wunderbar spielen. Ich hab ihn im Fernsehen mit dem Beethoven-Konzert gesehen. Im zweiten Satz ist mir das Herz aufgegangen, so habe ich selten einen Geiger spielen gehört. Und wenn es solche Momente gibt, da vergeb ich ihm alles, was er im ersten Satz macht! Diesen zweiten Satz von Kennedy werde ich nie vergessen.

3 Anton Webern. Vier Stücke für Violine und Klavier op. 7
Gidon Kremer, Oleg Maisenberg 1995
Deutsche Grammophon 457 643-2

Das ist so geniale Musik! So ein Stück muss man live hören, das ist ganz schwierig auf CD … Hier ist mit der Ton noch zu konkret, hat zu viel Selbstvertrauen. Und diese Musik hat alles andere als Selbstvertrauen. Es wird doch eine philosophische Frage gestellt. Von dis zu d, da muss eine Welt drin liegen. Das Klavier muss wie durch einen Nebelschleier, wie ein Wunder durchkommen. … Schöner Klang … (2. Satz) Super! Die Neurose ist drin, das ist das wichtigste in diesem Stück … Schön … Alles sehr gut. Klasse, der Schluss. Ich würde es noch extremer machen. Aber trotzdem toll gespielt, alles was da steht, mit einem schönen Gestus. (3. Satz) Das ist der Klang, den er im ersten Satz gebraucht hätte. Schön! Das sind Leute, die es ernst nehmen! … Jetzt aber entspannter bitte. Jaaa, sehr schön! Würde ich mir kaufen, aber ich höre mir so was nicht auf CD an. Da muss die Atmosphäre des Raumes hinzukommen. Wenn dann die Stille atmet, das ist genial! Das erste Stück hätten noch extremer sein können, in den anderen Stücken trauen sie sich dann, an die Grenzen zu gehen. Rhythmisch, vom Duktus her phantastisch. Das ist sehr sprechend: hysterisch, dann wieder ganz ruhig. Wer hat denn so was aufgenommen? Anne-Sophie Mutter, aber das ist sie bestimmt nicht … Gidon Kremer? Das passt. Einer meiner Lieblingsgeiger. Das tollste Konzert, das ich in den letzten Jahren gehört habe, war von ihm letztes Jahr in London. In einem halbvollen Konzertsaal, wie so oft in London. Kremer und Maisenberg mit Schubert – es war grandios. So eine Miniatur ist unglaublich schwer zu spielen. Allein im ersten Ton muss die ganze Welt stecken. Und das ist ein enormer Druck, ja nicht zu viel oder zu wenig. Und dieses erste Pizzicato macht man oft viel zu laut. Man wird immer paranoider, weil man den Körper und die Musik plötzlich anders spürt. Plötzlich ist ein einziges Pizzicato so wichtig, man macht das normalerweise völlig unbedacht.

Man verbindet Ihren Namen vor allem mit moderner Musik. Stört Sie das?

Ich liebe moderne Musik. Und es ist das, was ich zumindest in Deutschland am meisten mache. Anderswo spiele ich eher das klassisch-romantische Repertoire. Insgesamt mischt es sich ganz gut. Ich wollte unbedingt Schumann aufnehmen, Bach und Beethoven-Sonaten kann ich bestimmt später noch besser machen. Bei Schumann habe ich jetzt vielleicht am meisten zu sagen.


4 Robert Schumann: Sonaten für Violine und Klavier
a-moll Nr. 1 op. 105, Nr. 3 op. posth.
Isabelle Faust, Silke Avenhaus 1999
cpo 999 597-2

Das ist gemein! Dazu habe ich natürlich jetzt eine sehr starke Meinung. Das kann nur schief gehen (geht schnell zum 2. und 3. Satz). Au nein, bitte. Das ist viel zu schnell! Da steht eine typische Schumann-Metronomangabe, die wir alle als zu langsam empfinden, aber so rasend schnell kann man es nicht spielen. … Der zweite Satz steht mir zu sehr. … Man wird ungerecht und intolerant, wenn man sich gerade so intensiv mit einem Werk beschäftigt. Selbst die Aufnahme mit Kremer und Argerich, die früher meine Helden waren, kann ich jetzt nicht mehr so akzeptieren. Aber die ist es bestimmt nicht. Hier passiert leider nichts. Kein Zauber.
(3. Sonate) Eines der besten Stücke, so düster! (lacht) Die spielen es viel zu heroisch … (3. Satz) Für mich ist die Welt Schumanns eine andere. Die Notation ist doch immer nur eine Krücke, das gilt für Schumann noch viel mehr als für andere Komponisten. Bei ihm stecken noch so viele Schichten dahinter und darunter. Da darf man keinen Taktstrich hören. Rubato ist mir bei dieser Musik das Allerwichtigste. Horizontale statt Vertikale. Und was das Sensationelle des Anfangs der ersten Sonate ausmacht: mit einem Quartsprung zu beginnen und dann ein Akzent auf dem f im piano, das kommt überhaupt nicht heraus. Diese Musik ist so erzählend, aber hier spürt man nichts davon.

Sie setzen das Werk in Verbindung mit Schumanns Leben?

Ganz stark, deshalb war die dritte Sonate ja so lange unter Verschluss. Clara hat gesagt, das sei das Werk eines kranken Mannes, das dürfe nie an die Öffentlichkeit. Das ist das Stück eines Mannes, der keinen Boden mehr unter den Füßen hat. Mir ging’s nach diesen vier, fünf Tagen Schumann-Aufnahme auch nicht gut. Wenn man wirklich eintaucht in diese Welt … Aber das ist meine absolute Lieblingsmusik!

Wie haben Sie sich dem Stück genähert?

Nur über die Noten. Aber mein Pianist, Dénes Várjon, hat sich einige Aufnahmen angehört. Er ist so ein phantastischer Mensch und Musiker. Er hinterfragt alles und fordert einen enorm. Wir haben auch nie im Detail geprobt, sondern immer in größeren Zusammenhängen. An unserer Interpretation hat er einen ganz großen Anteil.

5 Jörg Widmann: Etude I
Carolin Widmann 2005
aus: Reflections I. Werke von Boulez, Ysaÿe,
Sciarrino, Jörg Widmann. telos TLS 116

Das ist meine Aufnahme, das erkenne ich sofort. Die a-Saite ist zu tief, die hatte ich falsch gestimmt, aber es war die beste Aufnahme, die wir hatten, da konnten wir nichts mehr korrigieren. Ich würde vieles heute anders machen. Aber bei anderen Stellen bin ich zufrieden. Die Musik meines Bruders liegt mir nahe, auch wenn ich kritisch bin. Und hier habe ich einiges hinzugefügt, was sich aus mehrmaligem Spielen ergeben hat. Jörg fand das in Ordnung. Wenn jemand die Noten sehen würde, würde er sagen: Das ist doch falsch.

Kann man bei zeitgenössischer Musik Interpreten erkennen?

ch glaube ja. Die wichtigste Frage ist: Erzähle ich etwas oder nicht? … Aber lassen Sie uns doch mal in den Ysaÿe reinhören, das interessiert mich jetzt. (4. Sonate) Vielleicht wirkt es, wie ich es spiele, im Vergleich zu Zehetmair zu glatt, aber ich mag nicht dieses große Pathos, ich will hier auf diesen einen Höhepunkt hin - - jetzt. Doch, insgesamt bin ich zufrieden. Lassen Sie uns noch mal kurz in den Zehetmair hören. … Nee, das ist mir viel zu viel, jetzt so im direkten Vergleich. Mir sind das zu viele Glissandi. Und wenn er jetzt zum Höhepunkt kommt, ist die Luft raus, da kann er nicht mehr zulegen. Ganz erstaunlich! Ich mag Zehetmair als Kopf und bewundere ihn sehr als Geiger und Musiker, er ist ganz wichtig für unser Musikleben. Aber irgendwie auch gut, dass er mich noch so überraschen kann.

6 Jean Sibelius: Violinkonzert d-moll op. 47
Ginette Neveu, Philharmonia Orchestra:
Walter Süsskind 1946 (Abbey Road Studios)
Dutton CDEA 5016

(nach wenigen Takten) Live-Aufnahme? Ginette Neveu?

Kennen Sie die Aufnahme?

Nein. Aber da bekomme ich eine Gänsehaut, jetzt hier beim Hören. Dieser Ton, der geht mir so ans Herz. Diese Mächtigkeit des Klangs … Sie war eine Ausnahmegeigerin. Sie und Fritz Kreisler sind meine Idole … Super … Hier stehen überall Descrescendi, die macht sie gar nicht. Aber das ist mir wurscht, ich spüre die Notwendigkeit in jeder Note: Es muss sein! Sie ist das beste Beispiel dafür, dass dieses ganze „Das steht aber in den Noten“ völlig unerheblich ist. Doch, sie bleibt eine meiner Lieblingsgeigerinnen! Sie war so was wie eine ältere Schwester meiner Lehrerin Michele Auclair. Die sind zusammen aufgewachsen und dadurch habe ich natürlich viel von ihr mitbekommen.

7 Johann Sebastian Bach: Partita Nr. 2 d-moll BWV 1004
Christian Tetzlaff 2005. Hänssler Classic CD 98.250

Das ist doch ein Tanz! Ich wüsste nicht, wie ich dazu tanzen sollte. Sehr sauer gespielt, schöner Klang, aber alles etwas zu schwerfällig meines Erachtens. … Ich gehe mal zur Courante und sage, ich hätte sie gern so (singt tänzerisch) … Er lässt nicht genug los auf den unbetonten Zeiten, mir fehlt die Tiefe der Bewegung. Eine Partita ist eine Sammlung von Tänzen. Und was macht einen Tanz aus? Ein gleichmäßiger Rhythmus und der Wechsel zwischen betonter und unbetonter Taktzeit, sonst kann ich nicht dazu tanzen. … Ich weiß, man spielt es heute so. Und natürlich sind das Kunsttänze, aber trotzdem. Gehen wir mal zur Ciaconne. Er oder sie wird garantiert spielen daaam pa daaam paaaa – was kein Tanz ist. Ich möchte, dass man die Struktur versteht, leere Saite, leere Saite, Quintsprung, und wieder runter – das ist doch eine philosophische Frage, diese Intervalle beschreiben praktisch eine Lebenskurve. Diese Person hier wird wahrscheinlich das Gewicht auf dem Bogen behalten, was mit dem Barockbogen nie möglich wäre. … Was hab ich gesagt? Warum spielt das bloß alle Welt so? Jetzt möchte ich noch zur Dur-Stelle. Die ist für mich auch ein Tanz. Ich bin mir sicher, dass er das hymnisch spielen wird. … Genau so ist es. Bach hat es ja sogar fertiggebracht, den kulminativen Punkt in der Matthäuspassion Wir setzen uns mit Tränen nieder als Menuett zu schreiben – der weltlichste aller Tänze. Das Weltliche und das Kirchliche schließen sich bei ihm in keiner Weise aus. Auch in der Ciaconne muss man das Tänzerische spüren, und das tut dem Sakralen keinen Abbruch. … Das ist Christian Tetzlaff? Er ist einer derjenigen, vor denen ich am meisten Respekt habe auf unserem Planeten Geige. Aber diesen Bach würde ich anders spielen. Im Konzert spiele ich oft Bach, er ist auch für mich das A und O. Aber nicht nur die Solostücke. Ich habe letztes Jahr erst die e-moll-Sonate mit Cembalo kennen gelernt, die spielt fast niemand – eines der größten Werke überhaupt, in dieses Werk habe ich mich sofort verliebt. Ich konnte nicht aufhören zu üben, weil das so einen Spaß gemacht hat. Ich musste letztes Jahr auf einem Festival Mozarts „Wunderkindsonaten“ und Benda spielen, weil sie niemand anderen gefunden hatten. Und ich dachte: Oh Gott, mit solch einem Alte-Musik-Spezialisten wie dem Cembalisten Naoki Kitaya. Ob das gut geht? Ob der mich klassisch ausgebildeten Geiger akzeptieren wird? Aber es war genial. Stephan Mai von der Akademie für Alte Musik Berlin ist mein großer Mentor auf dem Gebiet, der mir das Selbstvertrauen gibt, überhaupt Alte Musik zu spielen und mich mit Veracini, Benda und Corelli zu präsentieren. Er schickt mir manchmal CDs mit Gesualdo, Monteverdi, Schütz, ich höre im Moment fast nichts anderes. Ich fange jetzt erst an, in diese verrückte, dekadente Megavirtuosität des Barock einzusteigen, da gibt es unglaubliche Sachen für Geige. Veracini war ein völlig verrückter Typ, und den mit einem Modernen wie Scelsi zu kombinieren, wäre eine tolle Sache. Diese Welten faszinieren mich.

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

ROBERT SCHUMANN
Die Violinsonaten
Carolin Widmann, Dénes Várjon
ECM New Series 2047


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