Bericht des Augen- und Ohrenzeugen Daniel Höhr zur halbszenischen Aufführung von Robert Schumanns Oper „Genoveva“ am 2. Mai 2023 in der Düsseldorfer Tonhalle. 

Daniel Höhr erlebte die Aufführung der “Genoveva” – abgebildet ist hier die erste Seite aus dem Autograph der Oper im Bestand der Staatsbibliothek Berlin, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv mit historischen Instrumenten – mit historischen Instrumenten in der Düsseldorfer Tonhalle zum Auftakt des Düsseldorfer Schumannfests am 2. Juni 2023. Das Helsinki Baroque Orchestra und der Schönberg-Chor brachten die Aufführung zwei Tage später, am 4. Juni, auch bei den Dresdner Musikfestspielen in Dresden auf die Bühne des Kulturpalastes, allerdings in etwas veränderter solistischer Besetzung (Vesselina Kasarova statt Marie Seidler als Margaretha). 

Robert Schumanns Oper „Genoveva“

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„Mit einer halbszenischen Aufführung von Robert Schumanns einziger Oper Genoveva begann am 2. Juni das Schumannfest 2023 in der Tonhalle Düsseldorf unter dem Motto „Taste of Summer“. Unter den sowieso sehr seltenen Produktionen der Genoveva war die Düsseldorfer in vielerlei Hinsicht besonders, vor allem weil es die erste Aufführung der Fassung von 1848 auf historischen Instrumenten war.

Da es noch keine historisch-kritische Ausgabe der erst 1880 im Druck erschienenen und von Clara Schumann herausgegebenen Partitur gib, musste sich Dirigent Aapo Häkkinen, Leiter des Helsinki Baroque Orchestra, erst einmal durch die Quellen und alle handschriftlichen Änderungen des Notentextes arbeiten, um die ursprüngliche Fassung zu rekonstruieren. Dass sich diese mühselige Arbeit gelohnt hat, daran gab es keinen Zweifel. Das Helsinki Baroque Orchestra gab Schumanns symphonischem und weitgehend durchkomponiertem Orchesterpart einen warmen und stets transparenten Klang, ließ die Vielschichtigkeiten der Partitur zur Geltung kommen und zog das Publikum in der fast vollbesetzten Tonhalle vom ersten Pianissimo zu Beginn der Ouvertüre an in seinen Bann.

Exzellent auch das Solistenensemble mit Carolyn Sampson in der Titelrolle, Marcel Beekmann als Golo, Johannes Weisser als Siegfried und, der heimliche Star des Abends, Marie Seidler als eine herausragende Margaretha, sowohl gesanglich wie auch in ihrer mesmerisierenden schauspielerischen Darbietung.

Als halbszenische Aufführung hatte die in der Düsseldorfer Tonhalle zu erlebende Produktion durchaus den Wert und die Wirkung einer vollumfänglichen Inszenierung. Für diese war die finnische Regisseurin Kristiina Helin verantwortlich (Link: https://kristiinahelin.com/), die Schumanns Genoveva in den Kontext der immer spürbarer werdenden Klimaveränderungen stellte. Dies geschah durch die Auswahl von Schwarz-Weiß-Animationen des Künstlerduos IC-98, die auf einer Leinwand im Bühnenhintergrund über dem Orchester fast während der gesamten Aufführung zu sehen waren. Diese detailgetreuen Computeranimationen zeigen die allmähliche Veränderung von Landschaftsszenen. So war während des ersten und zweiten Aktes die Animation A View from the other Side (Vimeo: https://vimeo.com/59128708) zu sehen. Diese Animation zeigt den allmählichen Verfall und schließlich Verwaldung eines Gebäudes an einem Fluss, der dann versandet. Die Animation implizierte so den moralischen und sittlichen Verfall des Hauses des Grafen Siegfried während dessen Abwesenheit. Allein im dritten Akt waren keine Animationen zu sehen, was die Aufmerksamkeit auf die nicht ganz unkomplizierte Handlung lenkte. Von beeindruckender Wirkung auch die Platzierung der Animation Archipelagos, die einen Großteil des vierten Aktes lang den Bühnenhintergrund dominierte und deren wogende Wellen die Handlung, die eigentlich in einem Wald spielt, in die tosende Ursuppe der Schöpfung mit sich riss, bevor das in den ersten beiden Akten verfallene und vom Wald überwucherte Haus wieder zu seiner ursprünglichen Gestalt und Schönheit zurückkehrte, passend zum Happy End von Schumanns Oper. Dies gab dem Kontext von fortschreitender Klimaveränderung auch einen hoffnungsvollen Spin.

Die Düsseldorfer „Genoveva“ war ein einmaliges musikalisches und dramatisches Erlebnis, eine unter die Haut gehende Interpretation von Schumanns musikdramatischem Werk, das eigentlich dazu gedacht war, die deutsche Oper zu revolutionieren, aber leider bis heute zu Unrecht ein Schattendasein im Repertoire der Opernbühnen führt.“

Daniel Höhr. St. Augustin (vgl. https://www.danielhoehrklavier.de/vita/), 3.5.2023 für das Schumannportal