Schaffensrausch und Paralyse

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Das Magazin für klassische Musik
Januar/Februar 2008, Seite 50-54


Dunkelheit
Schaffensrausch und Paralyse: Große Komponisten und ihr Leiden an der Syphilis

Welch ein höhnisches Spiel der Natur, dass sie das Bild höchster Vergeistigung erzeugen mag dort, wo der Geist entwichen ist! Tief lagen die Augen in den Höhlen, die Brauen waren buschiger geworden, und darunter hervor richtete das Phantom einen unsäglich ernsten, bis zur Drohung forschenden Blick auf mich, der mich erbeben ließ, aber schon nach einer Sekunde gleichsam in sich zusammenbrach, so, dass die Augäpfel sich nach oben kehrten, halb unter den Lidern verschwanden und haltlos hin und her irrten.“

Vor Jahren hat der Komponist Adrian Leverkühn, Titelfigur von Thomas Manns Doktor Faustus, seinen Verstand verloren und vegetiert nunmehr vor sich hin. Sein Freund und Chronist Serenus Zeitblom wendet sich mit Schaudern ab von Leverkühns Krankenlager. Dem endgültigen Verfall des Tonsetzers war ein verstörendes Bekenntnis vorangegangen. Leverkühn hatte sich wissentlich mit Syphilis infiziert, als er einer „Milchhexe“ nachstieg und „mit dem giftigen Falter koste“, dem „Engel des Gifts“. Zugleich hatte er damit einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, der dem Künstler nur kalte Liebe, wohl aber heißes Schaffen auf eine Spanne von 24 Jahren versprach. „Aufschwünge liefern wir und Erleuchtungen, Erfahrungen von Enthobenheit und Entfesselung, von Freiheit, Sicherheit, Leichtigkeit, Macht- und Triumphgefühl, dass unser Mann seinen Sinnen nicht traut […]. Und entsprechend tief, ehrenvoll tief, geht’s zwischendurch denn auch hinab, - nicht nur in Leere und Öde und unvermögende Traurigkeit, sondern auch in Schmerzen und Übelkeiten, vertraute übrigens, die schon immer da waren, die zur Anlage gehören, nur höchst ehrenvoll verstärkt sind sie durch die Illumination.“ So spricht der Herr der Finsternis – und liefert damit zugleich das Psychogramm einer Krankheit, die ohne Aussicht auf Rettung in die Umnachtung führt.

Neben Friedrich Nietzsche fand Thomas Mann ein Vorbild für sein Künstlerporträt eines Syphilitikers im Leben Hugo Wolfs, das auf geradezu exemplarische Weise von der „Krankheit der Venus“ geprägt war. Geboren 1860, genau wie sein Studienkollege Gustav Mahler, mit dem er sich zeitweilig ein Bett teilt, eckt Wolf überall an. Bereits im Alter von 17 Jahren muss sich der nur 1,54 Meter große Mann aus der Provinz als freier Künstler in Wien durchschlagen. Kurz darauf holt er sich bei einer Prostituierten in der berüchtigten „Lehmgrube“ die Syphilis. Die Infektion, wegen ihrer Fähigkeit, sich in anderen Krankheitsbildern zu tarnen, auch „der große Imitator“ genannt, geht mit Wolfs labiler Psyche eine tödliche Bindung ein. Kurze Phasen fieberhaften Schaffens, in denen seine berühmten Liedersammlungen wie das Spanische und das Italienische Liederbuch entstehen, werden umschlossen von langen Abschnitten der Agonie, in denen er gar nichts zu komponieren vermag. Die längste währt über dreieinhalb Jahre.

Um mich herum nur mehr noch Ungethüme
Als Musikkritiker des Wiener Salonblatts greift der unbehauste und unerkannte Wolf auch Johannes Brahms, den Gott des bürgerlichen Musikbetriebs, scharf an: „Die Kunst, ohne Einfälle zu komponieren, hat entschieden in Brahms ihren würdigsten Vertreter gefunden. Ganz wie der liebe Gott versteht auch Herr Brahms sich auf das Kunststück, aus nichts etwas zu machen.“ Rache für eine frühe Belehrung durch den alten Herrn, der riet, Wolf solle „erstmals tüchtig was lernen“. Als Gustav Mahler die Leitung der Wiener Hofoper übernimmt, hofft Wolf auf eine Chance für seine einzige vollendete Oper Der Corregidor. Doch Mahler, zum Stardirigenten avanciert, will sich nicht festlegen lassen.

Wolfs Überempfindlichkeit, die ihn zum zarten Ausdeuter von Lyrik macht, findet keinen Halt mehr im von der Syphilis geschädigten Nervensystem. Sein Bewegungsapparat ist gestört, doch Wolf will unbedingt Fahrrad fahren lernen. Harte Stütze auf das Wiener Pflaster folgen. Er schreibt seine letzten, kargen Lieder nach Texten von Michelangelo. Dann bricht das dritte Stadium der Krankheit aus, die Paralyse. Unter der Wahnvorstellung, er sei Direktor der Wiener Hofoper, rennt Wolf durch die Stadt. Zwei Tage später, am 21. September 1897, wird er in eine Heilanstalt eingeliefert. Als er sie noch einmal verlassen kann, versucht er sich zu ertränken. Wolf landet in der Niederösterreichischen Landesirrenanstalt. Dort schreibt er noch: „Schon länger höre und sehe ich nichts von der schönen Welt. Um mich herum gibt es seit einiger Zeit nur mehr noch Ungethüme.“ Ab 1899 verliert er nach und nach das Vermögen zu sprechen und zu erkennen. Hugo Wolf stirbt am 22. Februar 1903 in Wien. Glaubt man seinem herausragenden Interpreten und Biografen Dietrich Fischer-Dieskau, so sind Werk und Krankheit des Komponisten beinahe untrennbar miteinander verwoben: „Zehn Jahre nach der syphilitischen Intoxikation und zehn Jahre vor Ausbruch der Gehirnparalyse löst die Krankheit eine manische Befreiung geistiger Schaffenskräfte aus. Wie durch Zauberspruch erreicht Wolf mit einem Mal den Gipfel seiner kompositorischen Originalität.“

Lichte Schaffensmomente, die sich dem „Gift der Dunkelheit“ verdanken? Genie durch Krankheit? Diese heikle Frage nach Licht und Schatten, Kreativität und Siechtum führt noch immer zu erbitterten Disputen darüber, ob viele unserer großen Klassiker Syphilitiker waren. Oft lassen sich letzte Beweise nicht führen, weil mancher Hinweis aus Krankenakten oder Särgen entfernt wurde, um der Nachwelt eine „schöne Leich“ zu übergeben. So tobt noch immer ein Kampf unter Gelehrten und Liebhabern darum, ob sich hinter Beethovens ruinöser Gesundheit nicht die venerische Krankheit versteckte. Vieles spricht dafür. Regelmäßig suchte der Komponist Bordelle auf, über die er verschlüsselt als „morsche Festungen“ an einen Freund schrieb – wobei er vor den Verletzungen warnte, die man sich dort zuziehen könne. Schwere Fieber waren den bis dahin gesunden Beethoven nieder, der fortan ein kranker Mann war. Auch seine peinigende Taubheit könnte eine Folge der Infektion darstellen. Früh schon plagte ihn der Tinnitus; Beethoven glaubte, der Teufel habe Quartier in seinen Ohren bezogen. Seine fragile Gesundheit nannte der Komponist ein „grünäugiges Monster“ und beschrieb im Heiligenstädter Testament, wie sie völlig unvorhersehbar von gut in erbarmungswürdig umschlagen konnte. Die Analyse einer Haarlocke, 1994 bei Sotheby’s versteigert, sollte endgültigen Aufschluss über Beethovens Todesursache geben. Gerade wurden die 582 Strähnen erneut untersucht. Das Ergebnis: Beethoven starb an einer akuten Bleivergiftung, womöglich durch die schwermetallhaltigen Pflaster seiner zahlreichen Ärzte, die viele merkwürdige Kuren mit ihrem Patienten durchführten. Dieses Ergebnis spricht allerdings nicht gegen eine Erkrankung an Syphilis, die sich hinter der endlosen Kette von Beethovens Krankheiten verbergen kann: Gelbsucht, Taubheit, Herzrhythmusstörungen, Gesichtsspasmen, Rheuma, Lungenentzündungen, Koliken und rasende Kopfschmerzen sind nur ein kurzer Auszug aus der langen Liste seiner Gebrechen. Auch die Veränderung seiner Persönlichkeit gegen Ende seines Lebens könnte mit der Syphilis erklärt werden. Manch einer hielt Beethoven, den berühmtesten Komponisten seiner Zeit, der verdreckt, jaulend und paranoid durch die Straßen Wiens lief, für verrückt.

Mit Beginn der Paralyse des Gehirns gibt sich die Syphilis endgültig als das zu erkennen, was sie ist. Beethoven starb vor diesem Stadium an einer Lungenentzündung. Seine letzten Worte sprach er, nachdem vier Weinflaschen für ihn abgegeben worden waren: „Schade, schade, zu spät.“ Nach seinem Tod am 26. März 1827 wurden Teile aus seinem Schädel entfernt, die seinen deformierten Hörapparat dokumentieren sollten. Das Glas mit dem pathologischen Präparat, das einen letzten Beweis für die Syphilis-These liefern könnte, verschwand später spurlos und steht vermutlich heute noch im Regal eines fanatischen Verehrers.

Ein Engel namens Charitas
Franz Schubert war einer der Fackelträger bei Beethovens Beisetzung. Im folgenden Jahr lag er selbst auf den Tod. Die letzte Musik, die er hört, ist Beethovens Streichquartett op. 131, das sein Schöpfer einmal als sein bestes Werk bezeichnet hat. Sechs Jahre suchen Schubert beinahe ohne Pause schwere Krankheiten heim. Die Syphilis hat er sich wohl 1822 geholt. Während des ersten äußerlich sichtbaren Schubes der Infektion verbirgt er sich vor der Öffentlichkeit. Seine Knochen schmerzen, Mund und Kehle sind wund, er kann nicht Klavier spielen oder singen. Zu einem wahren Schaffensrausch, wenn auch unter heftigen Kopfschmerzen und aggressiven Ausfällen, kommt es ab März 1828. Da bleiben Schubert noch sechs Monate. Wenn der Wein ihn erhitzt, gibt er sich seiner Wut hin und richtet grinsend ein Durcheinander mit allem an, was er finden kann, berichtet ein Freund. Schubert fühlt sich vergiftet und lehnt Nahrung ab, sein Kopf brennt, er korrigiert die Winterreise. Dann setzt das Delirium ein, er singt ohne Unterlass. Am 19. November 1828 stirbt Schubert und wird drei Gräber neben Beethoven beigesetzt.
Die Nachricht von Schuberts Tod stürzt einen anderen Komponisten in tiefe Trauer, der die Höhen und Tiefen der venerischen Krankheit bis zur finalen Dunkelheit durchleben wird: Robert Schumann. Sein „Engel des Gifts“ heißt Christel, in seinen erotischen Aufzeichnungen auch „Charitas“. Kurz vor seinem Zusammenbruch, nach einer schlimmen Tinnitus-Attacke, hört der Komponist himmlische Heerscharen, die ihm teils „wundervolle“, teils „grässliche“ Lieder singen und ein Werk aus dem Geiste Schuberts niederschreiben lassen, die Geistervariationen. Am nächsten Tag steht sein Kopf in Flammen. Die Leidensgeschichte des romantischsten aller Tonsetzer lässt Mythen und Verschwörungstheorien aufblühen wie bei keinem zweiten Syphilitiker. Sie versteigen sich bis zu der These, Clara Schumann und der junge Brahms hätten den lediglich labilen Schumanns ins Irrenhaus gesteckt, um ihre Liebe ungestört leben zu können. Robert der Romantiker als Opfer.

Nach langem Zögern machte der Komponist Aribert Reimann jüngst ein Dokument öffentlich, das ein klares Bild auf das Martyrium Schumanns wirft: die Aufzeichnungen Franz Richarz’, jenes Arztes, der Schumann bis zu seinem Tode in der Privatklinik in Endenich bei Bonn behandelte. Dort war er nach einem Selbstmordversuch eingeliefert worden und hatte alsbald vor sich hin gedämmert. In den Akten, die Reimann geerbt hat, steht etwa zu lesen: „In der Nacht unruhig; sprach bis Mitternacht laut vor sich hin, von der Veneris, sei unglücklich, werde wahnsinnig; stand später auf und begehrte zur Thür hinaus, ward heftig gegen den Wärter.“ Oder am 28. April 1855: „Bezieht die einfältigsten Dinge auf Verfolgung des bösen Dämons. Spricht viel bei den Besuchen, aber kaum verständlich. Äußert bei der Visite die ganz unbegründete Ansicht, seine Uhr gehe zu schnell.“ Der letzte Eintrag vor dem Tod lautet lapidar: „Heute morgen freiwillig einige Löffelchen Gelée. Urinierte ins Bett. Abends starkes Schleimrasseln. Der Puls 120. Athmungen 44.“

Kopf in Flammen
Am 29. Juli 1856 stirbt Robert Schumann. Die Obduktion zeigt eine gelbe gelatineartige Masse an der Basis seines Gehirns, das Herz ist abnorm vergrößert – deutliche Anzeichen für eine Infektion mit Syphilis. Schumanns Schädel ist später unauffindbar. Nach seinem Tod werden nicht nur die Krankenakten und viele Briefe, sondern auch Kompositionen aus seinen letzten Jahren systematisch weggeschlossen oder gar vernichtet. Clara verbrennt Spätwerke Roberts, von denen sie glaubt, sie könnten ein schlechtes Licht auf ihn werfen. Brahms bewundert ihre Entschiedenheit und schreibt: „Die Erinnerung an Schumann ist mir heilig“. Wie sich die Welt an Schumann erinnern soll, versuchen Clara und er ihr Leben lang zu steuern. Eine Infektion mit der Geschlechtskrankheit Syphilis passt da nicht ins Bild, ebenso wenig wie Schumanns zwischen Eruption und Agonie pendelnde Produktivität. Ein Phänomen, dass Thomas Mann an seinem syphilitischen Komponisten Adrian Leverkühn exemplarisch beschrieben hat. Er notiert über ihn, dass „der Krankheitsdruck wie durch ein Wunder von ihm abfiel und sein Geist, phönixgleich, sich zu höchster Freiheit und staunenswerter Macht ungehemmter, um nicht zu sagen: hemmungsloser, jedenfalls unaufhaltsamer und reißender, fast atemloser Hervorbringung erhob, - wobei […] diese beiden Zustände, der depressive und der gehobene, innerlich nicht scharf gegeneinander abgesetzt waren, nicht zusammenhanglos auseinanderfielen, sondern […] dieser sich in jenem vorbereitet hatte und gewissermaßen schon in ihm enthalten gewesen war, - wie ja auch umgekehrt die dann ausbrechende Gesundheits- und Schaffensepoche nichts weniger als eine Zeit des Behagens, sondern in ihrer Art ebenfalls eine solche der Heimgesuchtheit, der schmerzhaften Getriebenheit und Bedrängnis war.“

Fahrkarte in die ewige Nacht
Syphilis ist hochinfektiös, bricht aber nicht bei jedem Betroffenen voll aus. Sie kehrt in Schüben wieder, die beiden unglücklichsten Patienten bis zur Zersetzung der grauen Gehirnzellen führen, der Paralyse. Junge Künstler, die für den Heiratsmarkt nur wenig Kapital besaßen, fielen ihr nach Bordellbesuchen – Beethovens „morschen Festungen“ – reihenweise zum Opfer. So leuchtete die Syphilis noch weiteren Komponisten den Weg in die ewige Nacht: In seinen Opern widmete Gaetano Donizetti dem Wahnsinn schwindelerregende Arien. Nach einem Schaffensrausch diagnostizierten Ärzte in Paris bei hm Syphilis im Endstadium. Paralysiert wurde Donizetti aus einem französischen Irrenhaus in seine Geburtsstadt Bergamo heimgeholt. Paganini, der exzentrische Teufelsgeiger, litt furchtbar an der Behandlung seiner Syphilis mit hohen Dosen Quecksilber. Tinnitus und Hörversagen brachen Bed_ich Smetanas Geist und öffneten so Verzweiflung und Wahnsinn Tür und Tor. Ob auch das traurige Schicksal des Mahler-Weggefährten Hans Rott vom paralysierenden Werk der Syphilis geprägt wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Auf einer Zugfahrt bedrohte er einen rauchenden Mitreisenden mit einem Revolver, weil er dachte, Brahms habe den Waggon mit Dynamit füllen lassen. Bis zu seinem frühen Tod verbrachte Rott knapp vier Jahre in der Niederösterreichischen Landesirrenanstalt.

Die Syphilis blühte im Dunklen weiter bis zu ihrer erfolgreichen Behandlung mit Penicillin. Im Zweiten Weltkrieg war das Medikament zum ersten Mal in großen Mengen verfügbar, um die Infektionen zu heilen, die sich die alliierten Truppen auf den Schlachtfeldern und in den Bordellen Europas geholt hatten.

Text: Ulrich Amling
Ulrich Amling ist Kulturjournalist und Kritiker. Beim „Tagesspiegel“ in Berlin leitet er die Redaktion Ticket/Spielzeit.

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