Bernhard Emmer erarbeitet die "Johannes-Passion" in Robert Schumanns Fassung

Kiel – Sechs Jahre ist es her, dass der Musikdirektor der Kieler Universität, Bernhard Emmer, zum Semesterabschluss mit studentischen Heerscharen die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach in der legendären romantischen Bearbeitung von Felix Mendelssohn konzertreif erarbeitet hatte.

Sinn für Raritäten: Universitätsmusikdirektor Bernhard Emmer

"Damals begegnete mir im Material schon der Hinweis darauf, dass auch Robert Schumann, sozusagen in Memoriam seines Leipziger Freundes, vor allem aber als Ausdruck seiner eigenen Bach-Begeisterung, 1851 ein großes Vokalwerk des barocken Thomaskantors für den Konzertsaal {sbquo}wieder entdeckte': die Johannes-Passion", berichtet Emmer im Vorgespräch. Schumann, der im Jahr zuvor Musikdirektor in Düsseldorf geworden war, erstellte für die Musiker und Sänger des dortigen Musikvereins eine eigene Fassung des Bachschen Originals. Die Aufführung darf man sich wohl getrost spektakulär vorstellen, denn der Dirigent Schumann hatte ein weitgehend professionelles Orchester, 120 gemischte Stimmen im Chor, dazu 50 Knaben, gute Solisten und im Continuo vermutlich seine Frau, die exquisite Pianistin Clara Schumann zur Verfügung.


Bernhard Emmer ist dankbar, dass er bei der keineswegs problemlosen Rekonstruktion der einstigen Düsseldorfer Aufführung auf Material zurückgreifen kann, das der Dirigent und Organist Oskar Gottlieb Blarr mit Erkenntnissen der Schumann-Forschung im Jahr 2000 für ein Konzert anlässlich des 7. Düsseldorfer Schumann-Festes erstellt hatte. Die Unterschiede zum heute so heißgeliebten und meist in historisierender Aufführungspraxis sorgsam gehegten Bach-Original sind nicht gigantisch, aber doch deutlich. "Schumann hatte offenbar ein Problem damit, Passagen zu akzeptieren, in denen die Solo-Stimme nur vom Continuo begleitet wird", stellt Emmer fest.


Diese "Leerstellen" seien durch (im Barock noch unbekannte) Klarinetten "gefüllt". Überhaupt ist die instrumentale Besetzung behutsam auf- und umgerüstet, zumal in der Romantik barocke Sonderinstrumente wie die Gambe oder die Oboe d'accacia bereits unbekannt waren. Auch die Verwendung eines Konzertflügels anstelle des Cembalos präge den Klang hörbar um, so Emmer.


Kieler Nachrichten, 25.Januar 2007

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