Die Lieder der Dinge

Joseph von Eichendorff im Goethe-Museum Frankfurt

VON FLORIAN BALKE

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.01.2008, Nr. 1, S. R3


FRANKFURT. Als Joseph Freiherr von Eichendorff im Jahr 1857 starb, stand ihm sein Ruhm noch bevor. Gewiss, Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy hatten einige der beliebten Gedichte des preußischen Beamten zu diesem Zeitpunkt schon in Musik gesetzt. Der Großteil der mehr als 5000 Eichendorff-Vertonungen, die sich für die beiden letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nachweisen lassen, war in diesem Augenblick aber noch Zukunftsmusik. Der Trend, der mit Schumanns "Liederkreis" und den Kompositionen Mendelssohns ("Im Freien zu singen") seinen Anfang genommen hatte, war jedoch unaufhaltsam. Eichendorffs lyrischer Gesang vom Lied, das in allen Dingen schlafe und die Welt zum Klingen bringe, träfe man nur das Zauberwort, machte den Dichter der 1838 entstandenen "Wünschelruthe" zum Hauskünstler des romantiktrunkenen Deutschlands. Noch Adorno, Frankfurts skeptischer Haustheoretiker, ließ sich später dazu hinreißen, von Eichendorffs Versen zu sagen, sie klängen "wie Zitate beim ersten Mal, memoriert nach dem Lesebuch Gottes". In perfiderer Stimmung nahm er für diese Verführung zur Sentimentalität allerdings sogleich Rache und versuchte, Eichendorff eine "entfesselte Romantik" unterzujubeln, die ihn "bewusstlos zur Schwelle der Moderne" geführt habe. Das war ungastlich. Es bietet schließlich kein schönes Schauspiel, Eichendorff auf der Schwelle zum von Adorno bewachten Haus der Moderne verrecken zu sehen. Abgesehen davon hat auch des Philosophen Zuschreibung von der Bewusstlosigkeit Eichendorffschen Dichtens etwas Gönnerhaftes. Die Ausstellung "Eichendorff wieder finden" im Frankfurter Goethe-Museum ist da großzügiger. Sie zeigt, wie genau der 1788 auf seines Vaters Schloss im schlesischen Lubowitz geborene Eichendorff seine Texte konstruierte. Da ist zum Beispiel der 1838 entstandene handschriftliche Entwurf zur autobiographischen Novelle "Unstern". Die Schilderung seiner eigenen Geburt legt Eichendorff hier als Parodie des Geburtsbeginns von Goethes "Dichtung und Wahrheit" an. Selten war ein Romantiker sich des prekären Status seiner Kunst so bewusst wie Eichendorff, der zeitlebens gegen das Gefühl ankämpfen musste, für dieses zu spät gekommen oder von jenem allein übrig geblieben zu sein.

Überhaupt bilden die Handschriften die Prunkstücke der Frankfurter Schau. Das ist nur recht und billig, schließlich bewahrt die von Renate Moering geleitete Handschriftenabteilung des Freien Deutschen Hochstifts den umfangreichsten Bestand an Eichendorff-Handschriften, den es gibt. Moering hat die Ausstellung zusammen mit ihrem langjährigen Kollegen Hartwig Schultz, dessen Eichendorff-Biographie im vergangenen Jahr bei Insel erschienen ist, kuratiert.

Viel Authentisches aus dem Leben Eichendorffs ist nicht mehr da, das sie zeigen könnten. Trotzdem sind in Frankfurt interessante Leihgaben zu sehen, so die vermutlich im Jahr 1800 angefertigten Wachsminiaturen des Dichters, seines Bruders und seiner Eltern oder Eichendorffs Schulzeugnis aus dem Jahr 1803, das erwähnt, der Knabe sei der polnischen Sprache "ziemlich gut" mächtig. Zu diesem Zeitpunkt ist das nicht die schlechteste Voraussetzung für den Staatsdienst, den Eichendorff später antritt. Seit den polnischen Teilungen ist das Königreich Preußen schließlich ein praktisch zweisprachiger Staat.

Das Preußen jedoch, für das der studierte Jurist Eichendorff von 1816 an als Beamter tätig sein wird, ist ein völlig verändertes Gemeinwesen, das bis zum Tod des Dichters vom Hin und Her zwischen Revolution und Reaktion gebeutelt wird. Die Mängel seiner nach dem Ende der Befreiungskriege zunehmend reformfeindlichen Obrigkeit machen aus dem standesbewussten und eher demokratieskeptischen Adligen, der sich vom Verlust des heimatlichen Schlosses durch den langsamen Bankrott des Vaters zusätzlich gedemütigt fühlt, allmählich sogar so etwas wie einen reformkonservativen Satiriker. In seinem 1849 verfassten satirischen Märchen "Libertas und ihre Freier" lässt Eichendorff die allegorische Figur der Freiheit den Adelssitzen nach der gescheiterten Revolution von 1848 sogar ihren Untergang verkünden. Dabei steht diese wenig bekannte Facette von Eichendorffs Denken mit seiner Kunst in engem Zusammenhang. Schließlich sagt Eichendorffs Freiheit von sich auch: "Bin die Lebensluft der Höhen, / Wo der Athem mag vergehen, / Allen, die zur Tiefe sehen." Da ist es, das Schwindelgefühl der entfesselten romantischen Tiefenschau. Aber es ist auch Eichendorffs bewusstester Moment.

Die Ausstellung ist im Goethe-Museum Frankfurt, Großer Hirschgraben 23-25, bis zum 17. Februar montags bis samstags von 10 bis 18 und sonntags von 10 bis 17.30 Uhr zu sehen.

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