Brahms statt Bier und Apfelwein

Frankfurter Neue Presse, 10.03.2008

Von Matthias Gerhart

Noch heute gehen die Frankfurter gerne am Sonntagvormittag oder Montagabend „ins Museum“. Die Rede ist dabei allerdings nicht von den zahlreichen Ausstellungstempeln am Mainufer, sondern von den Konzerten der Frankfurter Museumsgesellschaft, die am 11. März 1808 von kulturbeflissenen Frankfurtern ins Leben gerufen wurde. Es standen damals verschiedene „Musen“ im Mittelpunkt des Vereinslebens, das einen Kontrapunkt zur Bier- und Apfelweinseligkeit in den Frankfurter Gastwirtschaften darstellen sollte. Neben musikalischen Vorträgen auf den Bühnen mancher gastronomischer Etablissements gab es regelmäßig eine „Kunstbeschau“ sowie Vorträge von Gedichten, die auch schon einmal aus der Feder der damals bis zu 150 ordentlichen Mitglieder stammen konnten. Dieser Mitgliederstand war übrigens die in der Satzung festgelegte Höchstgrenze – man erhoffte sich damit den elitären Charakter der Gesellschaft zu erhalten, schließlich gehörten auch Goethe und Jean Paul zu den Mitgliedern.

Diskussionen um die Zulassung von Frauen, die in den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts unentgeltlich mittels Gastkarte an der Seite ihres Herrn Gemahls an den Veranstaltungen teilnehmen konnten, sowie finanzielle Probleme bestimmten die ersten Jahrzehnte, ehe 1861 der erste wirkliche Markstein in der Geschichte des „Museums“ erreicht wurde. Mit dem großzügigen Saalbau in der Junghofstraße erhielt Frankfurt einen großen, vollwertigen Konzertsaal, den von Anfang an auch die Museumsgesellschaft nutzen konnte – rechtzeitig vorher hatte man sich von der bildenden Kunst und der im Vergleich zum Niveau der musikalischen Darbietungen recht bescheidenen Dichtkunst verabschiedet und sich allein der Musik zugewandt. Die Gastspiele in den zuweilen wenig geeigneten Gasthaussälen der Frankfurter Innenstadt gehörten nun der Vergangenheit an. Aus dem „Museum“ wurde die Museumsgesellschaft, die für die Konzerte im neuen Haus erstmals feste Plätze und Abonnements vergab. Nun hatte die Museumsgesellschaft mehr als achtzig Jahre Zeit, um – wie es in der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Gesellschaft 1908 hieß – „mit Ehren einen Platz in der Reihe der vornehmsten deutschen Konzertinstitute“ einzunehmen. Die Bedeutung der Konzerte, zu denen sich mittlerweile auch die bis heute bestehende, stets sehr niveauvolle und feine Kammermusik-Reihe gesellte, sprach sich natürlich auch bis zu den Komponisten herum, die gerade im ausgehenden 19. Jahrhundert reihenweise beim „Museum“ zu Gast waren und hier ihre Werke dirigierten.

Brahms weilte 1882 zwei Mal im Saalbau, um bei der Uraufführung seines Streichquintetts (op.88) bei der Kammermusik-Reihe sowie als Solist beim zweiten Klavierkonzert (op.83) mitzuwirken. Ob es nur an der Zuneigung zu Clara Schumann lag, dass der alte Hagestolz so gerne an den Main kam? Clara indes wirkte als Solistin im zweiten Klavierkonzert von Chopin. Im selben Konzert am 7. November 1890 dirigierte übrigens Antonin Dvorák seine heute nur noch sehr selten gespielte vierte Sinfonie. Sieben Jahre zuvor hatte bereits Edvard Grieg das „Museum“ beehrt und dem Publikum der Kammerkonzerte seine frühe Violinsonate (op.8) vorgestellt.

Anfang des 20. Jahrhunderts kamen gerne Richard Strauss, dessen Tondichtungen „Also sprach Zarathustra“ und „Ein Heldenleben“ vom Museumsorchester uraufgeführt wurden, sowie Max Reger nach Frankfurt. Der schwergewichtige Virtuose aus dem Fichtelgebirge wartete bei dem Kammermusik-Abend im Dezember 1904 übrigens mit einem eigenen Streichquartett sowie einer Cellosonate auf. Setzten zur Jahrhundertwende vor allem die gastierenden Komponisten Akzente beim „Museum“, so waren es nach dem Ersten Weltkrieg besonders die Dirigenten. Zwischenzeitlich hatte das Museumsorchester, das – bis heute – auch das Frankfurter Opernhausorchester ist, mit seinem Konzertmeister Paul Hindemith wohl sein berühmtestes Mitglied erhalten. Und Generalmusikdirektor Willem Mengelberg konnte es sich mitten im Ersten Weltkrieg sogar noch leisten, den gerade 20-jährigen Hindemith als Konzertmeister zu verschmähen. In der Folge erlebten die Frankfurter den jungen Wilhelm Furtwängler, natürlich Otto Klemperer, Bruno Walter, die – wie der Frankfurter Orchesterchef Hans Wilhelm Steinberg – im Dritten Reich ins Exil mussten. Zuvor feierte die zeitgenössische Musik Schönbergs, Kreneks und Strawinskys unter dem Dirigat von Hermann Scherchen fröhliche Urständ’ im Saalbau mit seinen 1800 meist komplett besetzten Plätzen.

1944 endete diese Zeit im Bombenhagel – Bruno Vondenhoff, der unvergessene Georg Solti, später Christoph von Dohnányi, Michael Gielen und Sylvain Cambreling sollten in den vergangenen Jahrzehnten das musikalische Niveau der Museumskonzerte hochhalten. Gielen feierte 1981 übrigens die Rückkehr seines Orchesters ins alte Opernhaus, unweit der legendären Saalbau-Spielstätte.

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