Niemals an den Füßen

Frankfurter Rundschau v. 29.06.2007, S.37, Ausgabe: S Stadt
Von Georg Rudiger

Nitsch inszeniert Schumann in Zürich

Im Foyer des Opernhauses Zürich liegt in einer Vitrine ein Schwein auf Stroh gebettet, daneben stehen mit roter Flüssigkeit gefüllte Weingläser und Sätze wie "Schwein niemals an den Füßen aufhängen" oder "Es gibt nur dieses eine Schwein". Vor zwei Jahren im Wiener Burgtheater hatte Hermann Nitsch echte Schweine, für Robert Schumanns "Szenen aus Goethes Faust" in Zürich greifen er und sein Koregisseur Andreas Zimmermann auf Imitate zurück, ein Zugeständnis an Tabus und Ekelgrenzen, wie Nitsch im Programmheft schreibt. Von der Bühnenwerkstatt der Züricher Oper ist er begeistert: "Fleisch wird bis zur feuchten Tastqualität imitiert. Die schleimig nassen, warmen Gedärme werden mit kotersetzenden künstlichen Substanzen gefüllt."

Auf der Bühne taucht das Schwein im dritten Bild der ersten Abteilung auf, Gretchens Szene im Dom. Es ist an den Hinterfüßen vor einer weißen Leinwand aufgehängt, Faust (Simon Keenlyside), in sackähnlichem Umhang, schlitzt es auf, dass es spritzt und gurgelt. An seiner Seite hat Faust weiß gewandete Herren, die ihm die triefenden Eingeweide immer wieder anreichen. Die Regie überträgt die Szene überlebensgroß auf die Leinwand, fast zehn Minuten lang. Gretchen (Malin Hartelius) wird derweil am Bühnenrand vom Bösen Geist verhört.

Seit den 60er Jahren hantiert Nitsch mit Opferritualen und liturgischen Elementen, und auf die Befleckung folgt immer die Reinigung. In Zürich wird im zweiten Teil des Oratoriums der in Blut getränkte Faust vom Kreuz abgenommen und von weiß gekleideten Damen einer Wäsche unterzogen. Nitsch macht mit Schumanns Faust-Szenen also, was er immer macht. Nur der dritte Teil hat etwas von einer Schulaufführung, wenn sich der riesige Chor in farbigen, wallenden Gewändern auf der Bühne ausbreitet und lächelnd herumsteht. Etwas mehr als dieses lausige Stehrampentheater müsste einem Regisseur dazu schon einfallen können.

Wenigstens singt der Chor seine Sätze mit Transparenz und Leuchtkraft. Beim Orchester unter Franz Welser-Möst sind dagegen klangliche Einbußen zu entdecken. Auch wenn er mit seinem hoch gelobten Ensemble über weite Strecken einen duftigen, federnden Klang hinbekommt – in den Details und der Koordination hapert es immer wieder. Die Aufführung rettet vor allem Simon Keenlyside als Faust. Sein Bariton ist vielschichtiger als die Inszenierung. Malin Hartelius (Gretchen) verbindet lyrische Innigkeit mit musikalischer Feinzeichnung, Günther Groissböck haucht Mephisto tiefschwarzes Leben ein. Eine konzertante Aufführung aber wäre für alle Beteiligte wohl die bessere Wahl gewesen.

Opernhaus Zürich, 30. Juni,

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