Der brillante Charakter

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.2007, Nr. 246, S. 40
FEUILLETON
Schallplatten und Phono


Leif Ove Andsnes und das Artemis-Quartett bestechen in ihren Schumann- und Brahms- Interpretationen durch eine geradezu unheimliche Perfektion des Zusammenspiels und des Aufeinanderhörens. Zugleich aber musizieren sie wundervoll lebendig.

Vor wenigen Wochen ist das Artemis-Quartett zum ersten Mal in seiner neuen Besetzung aufgetreten. Aber die aktuelle, zusammen mit dem Pianisten Leif Ove Andsnes eingespielte CD mit den Klavierquintetten von Brahms und Schumann lässt jetzt noch einmal das alte Artemis-Quartett lebendig werden, mit dem Bratschisten Volker Jacobsen und dem Geiger Heime Müller, der hier allerdings in beiden Stücken die zweite Violine spielt. Den regelmäßigen Wechsel der Prinzipalstimme hatte das Quartett eigentlich seit seiner Gründung gepflegt, er war ein wesentlicher Impuls für die Genauigkeit und die Tiefe der Interpretationen, auch für die Hochspannung, die beim Artemis-Quartett zwischen den einzelnen Stimmen herrscht. Wahrscheinlich bewirkt diese Gewöhnung an eine ständig neu zu bildende Identität auch die geradezu unheimliche Perfektion, mit der sich Quartett und Pianist bei dieser phantastischen Studio-Produktion bis in die winzigsten Details aufeinander eingehört haben, ohne dabei an Lebendigkeit zu verlieren. Und der Aufnahmetechnik ist es gelungen, diesen musikalischen Ausnahmezustand in wunderbarer Präsenz festzuhalten.

Das Klavierquintett stellt die Interpreten vor die besondere Herausforderung, gleichermaßen das Gegenüber eines im Prinzip in sich geschlossenen Ensembles und eines Solisten hörbar werden zu lassen, wie auch dem Anspruch einer eigenen Gattung, nämlich des Quintetts gerecht zu werden. Und dies noch gebrochen in all den vielfältigen Einzelkombinationen, die hier möglich werden und in ein Ganzes übertragen werden müssen. Bei Schumann ist außerdem, anders als bei Brahms, auch ein konzertanter Ansatz mitgedacht, und auch diesen gilt es zu realisieren, ohne das Kammermusikalische aus dem Blick zu verlieren.

In welchem Maße sich Leif Ove Andsnes und das Artemis-Quartett wirklich einen gemeinsamen Blick auf die Werke erarbeitet haben, ist in jedem Takt dieser Aufnahmen spürbar, und es ließe sich an unendlich vielen Details illustrieren. Etwa der Eröffnung des Schumannschen Quintetts: Dort werden zuerst die fast gewalttätig sich ineinanderschiebenden Kadenzen von den Streichern mit klaviermäßig perkussiver Attacke aufgetürmt. In dem drängenden Pulsieren, in das hinein sich diese Kadenzblöcke öffnen, mischen sich Begleitfiguren des Klaviers exakt mit denen der Streicher, mal leuchten in ständig fließenden Übergängen diese, mal jene hervor. Die duettierenden Wechselgesänge, die sich darüber entfalten, lassen Klavier wie einzelnen Streicherstimmen ganz natürlich ihren Raum, ohne dass jemals eine Solostimme noch auf ihren Solocharakter extra hinweisen müsste. Das "Brillante", das dieses Allegro in seinem Titel als Zusatz trägt, wird hier nicht missverstanden als bloß konzertierend-virtuose Brillanz, sondern als echte Charakterbezeichnung, als eine Brillanz, die sich in der Unendlichkeit ihrer Facetten herstellt, deren jede gleichermaßen Licht wirft wie Licht empfängt.

Der Trauermarsch des zweiten Satzes, der vor allem zur Popularität des Schumann-Quintetts beigetragen hat, erklingt relativ rasch, rhythmisch federnd, aber trotzdem in düsterer Spannung. Das unablässig durch die Stimmen wandernde Thema, das, in einer Stimme abgeschlossen, schon in der anderen wieder auftritt, erscheint als Bote ruhelos umherirrender Melancholie. Und in Andsnes' überwältigend anpassungsfähiger Klangkultur wirkt noch der einzelne Ton, den das Klavier den Streicherakkorden aufsetzt, nie wie eine bloße Verdoppelung der Stimme oder Auffüllung des Tonsatzes, sondern stets spezifisch, als Schattierung eines sehr bestimmten Ausdrucks.

Brahms' Klavierquintett wird in der fesselnden Interpretation durch Leif Ove Andsnes und das Artemis-Quartett in seiner ganzen Unkonventionalität erfahrbar, als Werk auf der Suche nach sich selbst, seiner Zeit ebenso entrückt wie sich reibend an den Modellen der Form und der Satztechnik. Das Stück ist ja in mehreren Transformationen seiner Klanggestalt entstanden, ausgehend vom Streichquintett mit zweitem Cello, das Joseph Joachim aufgrund seiner "Schroffheiten" für nicht öffentlich aufführbar hielt, über eine auch mehrmals umgearbeitete Fassung für zwei Klaviere. Die Interpretation der ihren Beethoven ebenso wie ihren Ligeti im Traum beherrschenden Musiker entfaltet den ganzen Perspektivenreichtum dieser Musik. In der fahlen Einleitung zum Schlusssatz wird die verschrobene Kontrapunktik der späten Beethoven-Quartette ebenso erinnert, wie schon Schönbergsche "Luft von anderem Planeten" herüberweht. Und das Scherzo entwickelt seine rhythmischen Vertracktheiten aus einem schlichten pizzicato-Puls des Cellos heraus in einer gleichsam objektiven und in jeder Phrase glasklar durchgehaltenen Spannung, in der sich die Erinnerung an rhythmische Extravaganzen Ligetis geradezu aufdrängt.

Auch bei der Brahms-Interpretation beeindruckt die Fülle an Detailgenauigkeit, in der Klavier und Quartett zusammenfinden, etwa wie Andsnes bis in das Verklingen des Tons hinein den Klavierklang dem der Streicher anverwandelt oder wie der Klavierbass und das so oft pizzicato gespielte Cello aus der Basslage heraus die Musik vorantreiben. Im extremen Ausspielen der unterschiedlichen Polaritäten dieser Musik wird Brahms nicht nur als der Progressive von gestern erfahrbar, sondern als bestürzend aktuell.

MARTIN WILKENING

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