Schumanns Genoveva auf DVD bei Arthaus

Opernwelt
Das internationale Opernmagazin
Februar 2009 - Seite 21

Stimmen aus dem Abgrund
Schumanns «Genoveva» als beklemmende Seelenschau: Nikolaus Harnoncourts und Martin Kusejs Zürcher Produktion liegt als DVD vor

Im 19. Jahrhundert musste man die Legende der Genoveva niemandem lang erklären. Die Geschichte jener Frau, die von einem zurückgewiesenen Verehrer fälschlich der Untreue bezichtigt und vom vermeintlich betrogenen Ehemann zum Tode verurteilt wird, gehörte zum literarischen Gemeingut des Biedermeier und der Romantik. Ludwig Tieck hatte den Stoff 1800 zu einem Trauerspiel verarbeitet, Friedrich Hebbel ließ 1843 eine fünfaktige Tragödie folgen, die den Akzent freilich vom Oper zum Täter, von der jungen Gattin des Pfalzgrafen Siegfried zu dem hoffnungslos für sie entflammten Ritter Golo verschob. Diese Perspektive liegt auch dem Genoveva-Libretto zugrunde, das Robert Reinick – unter tatkräftiger Mithilfe des Komponisten – für Schumanns einzige Oper schrieb. Der 1850 in Leipzig uraufgeführte und bald in den Fundus entsorgte Vierakter nimmt vor allem die seelischen Verwerfungen des schwärmerischen Edelmannes in den Blick. Die Konturen der Titelheldin werden wesentlich aus Golos Perspektive gezeichnet, sind das Ergebnis seiner Projektionen. Ein Psychodrama also, das mehr mit Schumann und seiner Ära, mehr auch mit der unbehausten Moderne als mit einem fiktiven Mittelalter oder einer überhistorischen «poetischen Zeit» (Hebbel) zu tun hat.

In Zürich zog Martin Kusej aus dieser Erkenntnis die Konsequenz, das Stück als morbide Fieberfantasie, als dunkle Traumerzählung zu deuten, in deren Hauptfigur (Golo) sich Schumann letztlich selbst porträtiert. Kusej spielt die Fantasien dieses an sich und der Welt verzweifelnden Antihelden in einem klinisch weißen, gleißend hellen Kasten durch (Bühne: Rolf Glittenberg). Drumherum herrscht nachtschwarze Leere. Das Personal seiner Obsessionen ist ständig präsent: die Angebetete (Genoveva), der väterliche Konkurrent (Siegfried), die mütterliche Prophetin (Margarethe), das Mordopfer (Drago). Wie ein stream of consciousness ziehen die Szenen vorüber, beklemmende Bilder aus dem Unterbewussten einer dissoziierten Persönlichkeit, die sich von dämonischen Stimmen (Chor) bedrängt wähnt. Konzentriertes Kopftheater, das dank bestechender Sängerdarsteller mitreißende Sogkraft entfaltet: Shawn Mathey (Golo) und Juliane Banse (Genoveva) gelingen Rollenporträts, die man in solcher gestischen und vokalen Plastizität selten erlebt. Nicht minder ausdrucksstark, differenziert, feinste Schattierungen und Farben in Stimme wie Körpersprache artikulierend: Martin Gantner (Siegfried), Cornelia Kallisch (Margarethe) und Alfred Muff (Drago). Die immer wieder auf die Gesichtslandschaften, auf das affektgeladene Mienenspiel gerichteten Kameras, der dramaturgisch durchdachte Einsatz von Zooms und Closeups (Video-Regie: Felix Breisach) verstärkt noch den Eindruck der Live-Aufführung (siehe OW 04/2008).

Für Schumanns vermeintlich theateruntaugliche «Genoveva» hat sich während der letzten fünfzehn Jahre vor allem Nikolaus Harnoncourt stark gemacht – nach vereinzelten Versuchen, das Werk im Konzertsaal (Sawallisch, 1982) oder auf dem Plattenmarkt zu etablieren (Kurt Masur 1976, Gerd Albrecht 1992). Mehr noch als in seiner Einspielung von 1996 schärfte Harnoncourt am Pult des Zürcher Opernorchesters die Kontraste, die Brüche, die Abgründe einer Partitur, die voller schöner Melodien steckt. Doch schwärmende Heiterkeit und eitel Freude wären bei Schumann generell fehl am Platz. Zumal, wenn der Blick so konsequent nach innen gewendet ist, wie in dieser Zürcher Produktion.

Albrecht Thiemann

Schumann: Genoveva.
Juliane Banse (Genoveva),
Shawn Mathey (Golo),
Martin Gantner (Siegfried),
Cornelia Kallisch (Margaretha),
Alfred Muff (Drago),
Ruben Drole (Hidulfus) u. a.
Chor und Orchester der Oper Zürich
Nikolaus Harnoncourt,
Inszenierung: Martin Kusej,
Bildregie: Felix Breisach.
Arthaus 101 327 (DVD);
AD: 2008.

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