Klartext, Klarsicht

Fono Forum, Juni 2010, Seite 80

Was auch immer das Schumann-Jahr uns an neuen Aufnahmen noch bescheren wird: Dieser dritten Audite-Produktion mit Hideyo Harada wird ein Platz im künstlerischen Spitzenfeld kaum streitig zu machen sein. Natürlich gibt es im Katalog schon viele überzeugende Interpretationen von Schumanns Klavierwerken. Aber nur ganz wenige Aufzeichnungen vereinen auf so gewinnende, ja atemberaubende Weise, was eine CD für die berühmte einsame Insel empfiehlt: makellose Texttreue, hervorragende pianistische Realisierung und sinngebende Interpretation. Und dies bei sehr gutem, natürlich brillantem State-of-the-Art-Klang.

Nur wer im Falle Schumanns romantischen und genialischen Überschwang für unverzichtbar hält, wird bei Harada nicht voll auf seine Kosten kommen. Aber es geht eben auch anders: Die in Deutschland lebende Japanerin ist eine Pianistin der klassisch klaren Umrisse (und einer inzwischen hervorragenden Pianissimo-Kultur), die aber die Werke fabelhaft auszuhören versteht und manuell in der Lage ist, ihre Vorstellungen perfekt zu realisieren – sogar die berüchtigt heikle Sprung-Coda des Mittelsatzes des Fantasie ist konturiert bewältigt. Dabei erspart sie sich und ihren Hörern alle konventionellen Vortragsgesten wie aufgesetzte Rubati oder zusammenhanglos hervorgehobene Melodietöne und Mittelstimmen, mit denen Klavierspieler so gern „auf Romantik“ machen. Harada spielt nur, was die Noten hergeben, dies aber mit aller Entschiedenheit und viel Fantasie. So gelingt es ihr, die bekannt „schwierigen“, versickernden Stellen in den Ecksätzen der C-Dur-Fantasie oder ähnlich heikle Passagen der „Kreisleriana“ wie selbstverständlich mit Leben zu erfüllen: eine fabelhaft erhellende Darstellung.

Ingo Harden

Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten.

Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu!

Ich stimme zu!