Weltersteinspielung

Fono Forum, Juni 2010, S. 80

Es ist enorm kultiviert, Matthias Kirschnereits Schumann. Anders als Michael Korstick, der das jugendlich-ungestüme Moment im Fokus hat, bleibt der Perahia-Schüler eher der Schönheit verhaftet – ohne dass sein Spiel Gefahr liefe, oberflächlich und dekorativ zu bleiben.
Die „Papillons“ haben wunderbare klangsinnliche Momente, manchmal fehlt allenfalls ein wenig der florestanisch-packende Zugriff. Beinahe Horowitz’sche Qualitäten an Innigkeit erreicht Kirschnereit in den „Kinderscenen“: Hochsensibel in der agogischen Mikrogestaltung und kantabel interpretiert er „Von fremden Ländern und Menschen“ und die „Träumerei“, etwas harmlos im Vergleich zu Martha Argerichs Deutung allenfalls der „Haschemann“. Das ruhige Einzelstück „Ahnung“, das eine Bibliothekarin in Überlingen erst 2006 entdeckte, hat nicht ganz die melodischen Qualitäten der „Kinderscenen“-Stücke. Wohl deshalb fand es keinen Eingang in diesen Zyklus; bei Kirschnereits Aufnahme handelt es sich um die Weltersteinspielung.

In den „Waldscenen“ gelingen ebenfalls die lyrischen und introvertierten Stücke besonders überzeugend. Ein absoluter Glücksfall ist seine Darstellung von „Der Vogel als Prophet“, hier kommt der Künstler in die Nähe von Wilhelm Kempffs berühmter Interpretation. Die tief lotende Deutung der ernsten wie komplexen „Geistervariationen“, Schumanns letztes vollendetes Werk, rundet dieses glänzende Schumann-Album ab, das auch aufnahmetechnisch gut geriet.

Maria-Felix Vogt

Schumann, Papillons, Kinderscenen, Ahnung, Waldscenen, Geistervariationen; Matthias Kirschnereit (2010); Berlin/Edel CD 782124166823 (72’)

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