Florestanisch

Fono Forum, Juni 2010, Seite 80

Wenn man ihn auf einen der beiden fiktiven Schumann-Charaktere, den extrovertierten und leidenschaftlichen Florestan und den verinnerlichten und elegischen Eusebius, festlegen wollte, dann liegt Michael Korstick sicherlich das Florestanische näher. Wie ein Wirbelwind fegt er durch das erste Stück der „Kreisleriana“, so rasch, dass Akzente und Taktgefühl ein wenig verloren gehen. Kreislerianum Nr. 2 krankt an einer unorganischen Agogik: Aufwärtsstrebende Melodik verknüpft Korstick mit heftigem Accelerando, geht die Melodie abwärts, wird wieder ritardiert, was eine Unruhe hineinbringt, die den von Schumann geforderten „innigen“ Charakter kaum trifft.

Weitaus besser gelingt das kontrastreiche dritte Stück, in dem er die bewegt-aufgewühlten Abschnitte und den ruhigen Mittelteil kontrastreich gegeneinander profiliert, und auch Nr. 4 gerät zur ausdrucksstarken Reflexion. Fabelhaft ist seine Darstellung des siebten Kreislerianums: Trotz des wahnhaften Gestus bleibt Korstick enorm deutlich und klar.

Klangschön und ohne agogische Mätzchen meistert er die populäre Arabeske, wechselt gekonnt zwischen jugendlichem Drängen und nostalgischer Rückschau. Auch beim „Carnaval“ gelingt es ihm, die unterschiedlichen Figuren zum Leben zu erwecken. Besonders schön geraten das melancholische „Aveu“ (zu Deutsch: Geständnis) und natürlich der lebhafte „Florestan“. Die Aufnahmetechnik fängt den natürlichen Flügelklang exzellent ein.

Mario-Felix Vogt

Schumann, Kreisleriana, Arabeske, Carnaval; Michael Korstick (1997, 2009); Oehms/HM CD 4260034867574 (72’)

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