Poet

Fono Forum, September 2010, Seite 79

Das Klavierwerk Robert Schumanns ist ein guter Prüfstein für die Musikalität eines Pianisten, vor allem eines solchen, dem der Ruf eines Poeten vorauseilt wie Oliver Schnyder. Auf seiner Website wird der junge Schweizer sogar mit seinem Landsmann Edwin Fischer verglichen. So gewagt ein solcher Vergleich vielleicht auch sein mag, mit dieser Einspielung legt Oliver Schnyder ein so reiches und von jeglicher Pauschalität freies Spektrum pianistischer Expressivität vor, dass man aus dem Staunen kaum noch herauskommt.

Bemerkenswert ist bereits der sehr runde, kultivierte Ton, den Schnyder anschlägt und mit dem er jede einzelne Komposition individuell zu gesalten vermag. Den Abbegg-Variationen verleiht er den genau richtigen schwärmerischen Jubelton, ohne ins rein Virtuose abzudriften. Selten hört man die vielen Maskenspiele „Davisbündlertänze“ so fein nuanciert. Jeden poetischen Titel des Zyklus setzt Schnyder musikalische genau um. Dabei fällt auf, dass er bei der sensiblen melodischen Ausformung, etwa beim zweiten „Innig“ bezeichneten Stück, stets auch die kontrapunktische Dimension beachtet und damit eine enorme musikalische Dichte erzielt. Dieses Bewusstsein für die Komplexität der Musik ist auch besonders stark bei den letzten Kompositionen zu spüren.

Die kargen „Gesänge der Frühe“ und die „Geistervariationen“, Schumanns letztes vollendetes Werk, spielt Schnyder mit klanglicher Wärme und einer fast heiligen Ernsthaftigkeit. Diese CD, die mit ihrer gelungenen Auswahl den Bogen vom unbeschwerten Jugendopus bis zum melancholisch-vergrübelten Spätwerk spannt, gehört ohne Zweifel zu den schönsten Beiträgen des Schumann-Jahres 2010.

Frank Siebert

Schumann, Abbegg-Variationen, Davidsbündlertänze, Arabeske, Gesänge der Frühe, Geistervariationen, Oliver Schnyder (2010);
RCA/Sony CD 886977203626 (73’)


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