Schumann-Handbuch 2006

Rezension zum "Schumann-Handbuch 2006"
Süddeutsche Zeitung, 29.07.2006,
Ausgabe Deutschland, S. 16

VON WOLFGANG SCHREIBER

Die jubelnd erlittene Romantik

Robert Schumanns 150. Todestag: Ein wissenschaftliches Handbuch fasst Leben und musikalisches Werk des Komponisten zusammen. Kunst & Krankheit und Genie & Wahnsinn werden nicht erst seit Thomas Mann und Gottfried Benn als jederzeit ergiebige Zweierbeziehungen angesehen. Der Dirigent Giuseppe Sinopoli, seines Zeichens auch Mediziner, nannte Robert Schumanns zweite Symphonie in C-Dur einmal eine "auskomponierte Psychose". Der Komponist Dieter Schnebel sah und hörte in Schumanns Liederzyklus "Dichterliebe" überdeutlich "die Ängste vor Tod und Wahnsinn und die tief angesiedelte melancholische Resignation, welche den Lebenswillen lähmt". Und das "Spätwerk" des romantischen Tondichters galt und gilt vielen Kennern als Zeugnis schwindender körperlicher und geistiger Kräfte, der Persönlichkeitsauflösung eines genialen Musikers. Eine neue Biographie über ihn (von Martin Demmler, erschienen bei Reclam Leipzig) beginnt mit dem gewagten Satz: "Das Leben Robert Schumanns ist die Geschichte eines grandiosen Scheiterns". Dieses Leben endete am 29. Juli vor 150 Jahren - Schumann war 46 Jahre alt - in der Nervenheilanstalt von Bonn-Endenich.

Die Rätsel um Robert Schumann sind keineswegs gelöst. Erst vor zwei Jahren hat Udo Rauchfleisch, Professor für Klinische Psychologie in Basel, in einer "psychoanalytischen Annäherung" versucht, die populistische Spreu der Spekulation vom wissenschaftlichen Weizen gesicherter Erkenntnis zu trennen. Und nun, pünktlich zum 150. Todestag des Komponisten, erscheinen als Band 11 der in Düsseldorf ansässigen "Schumann-Forschungen" die authentischen Krankenakten, Briefzeugnisse und zeitgenössischen Berichte aus Schumanns letzten beiden Lebensjahren (Bernhard R. Appel (Hrsg.), Robert Schumann in Endenich. 1854-1856. Schott Verlag, Mainz 2006. 606 Seiten, 34,95 Euro).

Robert Schumann, Komponist und Schriftsteller: der romantische Universalgeist; seine Musik: die poetische Seelen- und Nervenkunst par excellence. Eine Persönlichkeitsspaltung hat Schumann, von Jugend auf, sogar fiktiv durchgespielt und unter musikalischen Strom gesetzt, indem er die polaren Gefühlsinstanzen seiner Seele und Tonkunst in zwei imaginären Figuren aufgehen ließ: dem heißblütigen "Florestan" und dem zart-empfindsamen "Eusebius". Wer sich über die eng ineinander greifenden Welten des romantischen Problem-Komponisten, über Leben und Werk Robert Schumanns, mit Hilfe eines einzigen Buchs unterrichten will, der hat jetzt, kompakt und wissenschaftlich fundiert, die Gelegenheit dazu, denn das soeben erschienene, 600 Seiten starke Schumann-Handbuch bietet quasi erschöpfend Auskunft über den Komponisten - wobei das Schwergewicht auf der Musik liegt.

Der Herausgeber hat sich viel vorgenommen, der Musikwissenschaftler Ulrich Tadday bekennt sich nämlich zu dem Versuch, "in einem Buch der Universalität von Schumanns Schaffen annähernd gerecht zu werden". Dementsprechend spielt die Biographie des Komponisten nur in einem von Peter Gülke verfassten Eingangskapitel eine Rolle - unter dem brillanten Titel "Robert Schumanns jubelnd erlittene Romantik". Eröffnet wird der Band von einer Übersicht über "Tendenzen der Schumann-Forschung". Darin streift Gerd Nauhaus die wichtigsten Resultate biographischer wie musikanalytischer Wissenschaft. Bedenkt man, dass erst vor drei Jahren zum ersten Mal ein vollständiges "Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis" von über tausend Seiten erschien, wird deutlich, dass die verzweigte Schumann-Forschung eigentlich erst jetzt mit einem Zentrum ausgestattet ist.

Sieben große Abschnitte gliedern das Schumann-Handbuch. Zunächst werden in einem "Ästhetik"-Kapitel die Verbindungen des Musikers sowohl zur bildenden Kunst, Poesie und Kritik sowie der zeitgenössischen Musik- und Dichtungsästhetik aufgefächert. Es folgt in "Kompositionstheorie" eine Darstellung von Schumanns Handwerk und Schaffensweise. Und in den folgenden Abschnitten werden die vier großen Werkgruppen von Robert Schumanns musikalischem Schaffen präzise durchleuchtet: Klaviermusik, Kammermusik, Orchestermusik, Vokalmusik. Vielen der musikwissenschaftlichen Autoren gelingt es glänzend, die Physiognomie einzelner Werke zu durchleuchten, deren Ideen, deren Gestalt und inneren Gehalt plastisch hervortreten zu lassen. Der emotionale Reichtum von Schumanns Musik steht ebenso deutlich im Raum wie ihr kompositionstechnisches Ingenium.

Wirkungsgeschichtliche Beobachtungen beschließen das Handbuch. Darin findet sich eine Aufzählung jener Komponisten und Werke, die Schumanns Musik paraphrasierten, in eigenen Stücken "verarbeiteten", von Smetana über Brahms bis zu Reger und Bartók, von Hans Werner Henze und Luigi Nono bis zu Wolfgang Rihm und Jörg Widmann.

Bleibt die kontroverse Bewertung von Schumanns Krankheit, die das negative Urteil über das späte Schaffen lange geprägt hat. Eine "Umwertung" wird angedeutet: Das Interesse an der "späten" Musik Schumanns ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Nicht das Symptom von Krankheit spiegele sich im Spätwerk, sondern, wie Dagmar Hoffmann-Axthelm gelegentlich bemerkte, Robert Schumanns "unerhörte musikalische und psychische Sensibilität den eigenen inneren Bewegungen und wohl auch den unterschwelligen Strömungen seiner Zeit gegenüber"

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