Schumanns letzte zwei Jahre in Endenich

Besprechung von Carsten Dürer zu:

Robert Schumann in Endenich (1854–1856)
Krankenakten, Briefzeugnisse und zeitgenössische Berichte
Hrsg. v. Bernhard R. Appel
607 Seiten
Edition Schott 9870
ISBN 3-7957-1836-8
EUR 34,95


Ist das wirklich nötig? So dachte ich mir als Erstes, als ich hörte, dass nun die ärztlichen Protokolle aus Schumanns Zeit in der Endenicher Nervenheilanstalt in Buchform veröffentlicht werden. „Robert Schumann in Endenich“ lautet der harmlose Titel dieser Veröffentlichung im Schott-Verlag, der als Band der Schumann Gesellschaft Düsseldorf erscheint. Nun, für den Besitzer der Dokumente, den Komponisten Aribert Reimann, musste es anscheinend nach 150 Jahren des Stillschweigens sein. Er hatte die Unterlagen von seinem Onkel erhalten, der ein Nachfahre des einen behandelnden Arztes von Schumann, Dr. Franz Richartz, war. Doch er hatte auch gesagt, dass diese Unterlagen aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht niemals veröffentlicht werden sollten. Doch Reimann wollte endlich einen Schlussstrich unter die zahlreichen und immer noch kursierenden Spekulationen über Schumanns Zustand in seinen letzten Jahren machen – und gab sie nun zur Veröffentlichung frei. Schon das hervorragende literarische Buch des Autors Peter Härtling „Schumanns Schatten“ hatte einen Eindruck von diesen Berichten gegeben – allerdings literarisch und nicht in der vollen Konsequenz der Originale (Härtling hatte Einblick in die Berichte nehmen dürfen).


Das nun von der Schumann-Gesellschaft herausgegebene Buch „Robert Schumann in Endenich“ ist allerdings mehr als die Veröffentlichung der Krankenberichte, dank dem Leiter der Schumann-Forschungsstelle in Düsseldorf, Bernhard R. Appel, ist das Buch doch noch recht lesenswert geworden. Appel hat die Krankenberichte in einen Zusammenhang gestellt mit zahlreichen – zum Teil unveröffentlichten – Briefen und anderen Zeugnissen aus der Zeit. Und so ist ein wissenschaftliches Lesebuch über die letzten zwei Jahre (1854–1856) entstanden. Zudem sind an alle Zeugnisse auch noch medizinhistorische Stellungnahmen zu den Krankenberichten angefügt. Das hört sich sinnvoll und sicherlich auch spannend und interessant an. Doch nochmals: Muss das sein? Muss ich lesen: „November 1854, 26.: Weinte nicht; schrieb gestern einen Brief, will heute wieder schreiben. Stuhl weich, Liest vor sich hin lächelnd in seinen Schriften.“ Oder etwa: „Juni 1856, 27.: … Hatte heute auf Klystier zweimal festen Stuhl. … Morgen wieder in äußerst unangenehmer Weise laut, verlangte seine Kleider, beruhigte sich aber bald wieder, als er sie nicht erhielt, legte sich hin.“ Natürlich erfährt man auch, dass Schumann Briefe schrieb, sich über den Besuch seiner Frau freute, Brahms empfing, schrieb und immer wieder in Musik las und am Klavier saß, um zu spielen. Ja, es ist Schumann, der da arbeitete bis in die letzten Tage. Doch muss man erfahren, wie es ihm aus medizinisch-historischer Sicht ging? Wird da nicht etwa so Persönliches, Intimes offen gelegt, das niemanden etwas angeht?

Der Sensationslust selbst in der Wissenschaft scheint keine Grenze gesetzt … auch keine vor der – wenn auch historisch noch so bedeutenden – Persönlichkeitssphäre eines Menschen. Es bleibt die Arbeit von Bernhard R. Appel zu würdigen, die Sisyphos-Arbeit, die er sich gemacht hat, um die Zusammenhänge darzustellen, um auch die in den vergangenen Jahren oftmals im negativen Licht erschienene Rolle von Clara Schumann richtig zu stellen. Ja, der Leser erfährt viel … und dennoch: Man hätte die Krankenakten, diese doch zum Teil recht demütigenden Detailbeschreibungen auch weglassen können und dann eine wissenschaftlich fundierte Bearbeitung herausgeben können.
Carsten Dürer

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