Zwischen Aufbruch und Melancholie

Nachdenken über Robert Schumann

Neue Zürcher Zeitung (NZZ) vom 15. Dezember 2007

Von Dagmar Hoffmann-Axthelm
Im Zusammenhang mit einer Gedenkausstellung ist ein Textband zu Robert Schumann entstanden. Er bietet vielfältige Erkenntnisse zu Leben und Schaffen des Romantikers.

Ein gewichtiger Band. Er erschien als Begleitbuch zu einer Ausstellung über Robert Schumann, die sowohl in Schumanns Geburtsstadt Zwickau wie auch in seinem Sterbeort (Endenich bei) Bonn gezeigt wurde. Inhaltlich sind Beiträge und Dokumentation, der Titel sagt es, dem «frühen» und dem «späten» Schumann gewidmet; der «mittlere» Schumann – also das Jahrzehnt zwischen 1840 und 1850, das Schumann in Leipzig und Dresden verbrachte – bleibt ausgespart. Was zu diesem zeitlichen Rahmen vom Stadt-Museum Bonn und von der Robert-Schumann-Gesellschaft Zwickau an Text- und Musik-Faksimiles und sonstigen kommentierten Informationen zusammengetragen worden ist, kann Leser, die an Schumann und seiner Zeit interessiert sind, nur glücklich machen. Wer weiss etwa, dass Schumanns Vater, der Zwickauer Verleger August Schumann, eine hundert in Leder gebundene Bändchen umfassende «Pocket Library of English Classics» herausgebracht und mit Walter Scott, Lord Byron & Co. im englischen Original in deutschen Landen offenbar gute Geschäfte gemacht hat? Oder dass Schumanns Gymnasiallehrer dem Abgänger «Robertus Schumann Zwiccaviensis» im Maturzeugnis «glückliche Geistesgaben» bescheinigte, die es ihm ermöglichten, «seine Mitschüler weit, weit hinter sich zu lassen»?

NEUE ERKENNTNISSE
Eine Fundgrube stellt auch der Aufsatzteil des Buches dar, in dem sich bekannte Mitglieder der Schumann-Forschung zu Themen um den frühen und späten Schumann äussern. Gerd Nauhaus widmet seinen Beitrag dem jungen Literaten Schumann. Hier gibt er zunächst einen Überblick über das Wirken August Schumanns, dem er den Ehrentitel «Urvater des modernen Taschenbuchs» verleiht, um seine Leser dann auf einen wunderbaren Streifzug durch Robert Schumanns dichterische Versuche mitzunehmen: Poesie, dramatische Entwürfe, Kurzgeschichten, Reisebeschreibungen und auch Nachdichtungen von Texten so legendärer antiker Poeten wie Homer, Sophokles und Theokrit.

Dem Bild des jungen, vom väterlich-literarischen Milieu geprägten Dichters stellt Thomas Synofzyg den jungen Komponisten gegenüber, der seinen Weg weitgehend allein suchte und fand: der schon als jugendlicher Autodidakt um die grosse sinfonische Form kämpfte, der bei Hauskonzerten in «reine» Schubert-Programme manchmal ein eigenes Stück hineinschmuggelte und der sich erst im Alter von zwanzig Jahren zum Musikerberuf entschloss. Linda Ma-Kircher begleitet den (nicht mehr ganz so) jungen Musikjournalisten Schumann in das Wien Metternichs, wo er vergeblich versuchte, mit seiner «Neuen Zeitschrift für Musik» eine ökonomische Basis für sich und seine in Wien hochverehrte Braut Clara Wieck zu finden.

Weiter geht es mit dem «späten» Schumann, der, als er 1850 die Stelle als Städtischer Musikdirektor in Düsseldorf antrat, ganze vierzig Jahre zählte. Irmgard Knechtges-Obrecht entwirft ein plastisches Bild vom Düsseldorfer Musikleben jener Zeit und beschreibt, wie sich nach anfänglich allseitiger Begeisterung die Schwierigkeiten zwischen Schumann und der Düsseldorfer Musikwelt häuften. Ursache dafür waren nicht nur die Probleme, die Schumann hatte beim Zusammenhalten des unglücklich mit Laien- und Militärmusikern untermischten Orchesters und des riesigen Chors, sondern auch seine als elitär empfundene, zu wenig leichte Kost enthaltende Programmgestaltung.

Ute Bär verweist auf Schumanns sympathischen Charakterzug, sich zeit seines Berufslebens für die neue Musik und für junge, begabte Musiker eingesetzt zu haben. Beispielhaft für die Düsseldorfer Zeit porträtiert sie Wilhelm J. von Wasielewsky, Schumanns ersten und gleichzeitig bedeutendsten Biografen, sowie Ruppert Becker, die nacheinander auf Schumanns Betreiben hin im Düsseldorfer Orchester Konzertmeister waren. Wie diese beiden kannte und verehrte auch ein dritter junger Kapellmeister und Komponist, Albrecht Dietrich, Schumann aus dessen Leipziger bzw. Dresdener Zeit; alle drei waren sie, um in Schumanns Nähe zu leben und zu arbeiten, eigens von Leipzig ins Rheinland gezogen.

Brief- und Tagebuchausschnitte werfen ein persönliches Licht auf die Charaktere dieser «Heldenverehrer», was in noch ausführlicherer Weise der folgende, gleichfalls von Ute Bär edierte Beitrag tut: Er enthält als Erstveröffentlichung die vollständigen Tagebuchnotizen, die Ruppert Becker während seiner beiden Düsseldorfer Jahre aufzeichnete (1852–1854). Becker zeigt sich hier unter anderem als – schmerzlich berührter – Augen- und Ohrenzeuge von Schumanns Hilflosigkeit gegenüber dem Geschäft des Dirigierens, er malt aber auch ein farbiges Bild von der lebhaften Geselligkeit im Hause Schumann, wo Gäste offenbar jederzeit willkommen waren und wo kaum ein Abend ohne gemeinsames Musizieren zu Ende ging.

Die Joseph-Joachim-Forscherin Beatrix Borchard stellt eine einleuchtende Parallele zwischen dem «Davidsbund» des jungen Schumann gegen die «Philister» des sinnleeren Virtuosentums und dem Kreis seiner späten Düsseldorfer «Jünger» her – neben Albert Dietrich und Ruppert Becker vor allem Johannes Brahms und Joseph Joachim –, die mit Schumann vereint waren in ihrer Gleichgesinntheit gegen die «Neudeutsche Schule» von Wagner und Liszt. Vor diesem Hintergrund sieht Borchard die F-A-E-Sonate, das von Schumann, Brahms und Dietrich komponierte und Joseph Joachim gewidmete Gemeinschaftswerk mit dem Motto «Frei, aber einsam», als musikalisches Zeugnis eines neuen Davidsbundes.

Das Schlusswort zum Aufsatzteil der Publikation hat Michael Struck, der in einer bewundernswerten Mischung aus Genauigkeit und Anschaulichkeit einen Überblick über Schumanns immenses Düsseldorfer Spätwerk gibt: geistliche und weltliche Vokalmusik, Orchesterstücke, Kammermusik und Klavierwerke. Struck zeigt eindrücklich, wie Schumann bis hin zu seinem letzten, in grösster menschlicher Not geschriebenen Werk, den (Geister-)Variationen in Es-Dur, immer wie nzz 15.12.07 Nr. 292 Seite 76 li Teil 02 der neue Wege findet.

ABSTRICHE
Die musikologischen Beiträge sind durchweg auf gutem bis sehr gutem Niveau angesiedelt, die Autoren arbeiten ältere Erkenntnisse auf und bringen Neues ein. So ist es etwas überraschend, dass die Herausgeber an zentraler Stelle – gewissermassen als Klammer zwischen dem «frühen» und dem «späten» Schumann – den Artikel des Psychiaters Uwe H. Peters, «Robert Schumann: melancholische Gemütszustände und schöpferische Kraft», placiert haben. Hier wird weder Vorhandenes gewürdigt noch Neuland betreten. Vielmehr meint der Autor aus der Haltung dessen, der es besser weiss, Schumann gegen «einige [nicht genannte] Autoren» verteidigen zu müssen, die den Komponisten als lebenslänglich Geisteskranken abstempelten – eine längst überholte Position, wenn sie in dieser Radikalität überhaupt je existiert hat. Ob der Autor behauptet, dass der Komponist auf die angebliche Strenge seiner Ehefrau in Sachen Sex und Alkohol mit Depressionen reagiert habe oder dass Clara Robert aus pekuniären Gründen dazu angehalten habe, nach dem «Liederkomponieren» «nun besser für Orchester schreiben» zu sollen, oder ob der hochintelligente, ebenso sprach- wie musikbeseelte Genius als «einseitig begabter Mensch» bezeichnet wird – im Hinblick auf den stattlichen Band muss gesagt werden, dass dieser gut ohne solche durch subjektive Verzerrungen, Ungenauigkeiten und Verfälschungen geprägte Einschätzungen ausgekommen wäre. Zwischen Poesie und Musik. Robert Schumann – früh und spät.

Hg. von Ingrid Bodsch und Gerd Nauhaus. Stroemfeld, Frankfurt am Main 2007. 384 S., 179 Abbildungen, Fr. 48.–.
Dr. Dagmar Hoffmann-Axthelm lebt als Musikwissenschafterin
und Psychologin in Basel.

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