Schumanns Albumblätter.

Wegzeichen Musik Band 1.
Hrsg. von Ute Jung-Kaiser und Matthias Kruse.

242 S., zahlr. Abb. und Notenbeispiele. Broschur.
Hildesheim • Zürich • New York: Georg Olms Verlag, 2006
ISBN: 978-3-487-13199-3

Als ebenso alter wie liebevoller Brauch gilt das mittlerweile aus der Mode gekommene Verschenken musikalischer Albumblätter. Über viele Jahrhunderte hinweg wurden Stamm- und Wappenbücher aller Art bis hin zum Poesiealbum unserer Kindheit gepflegt, wobei sich die Eintragungen selbst im Laufe der Zeit nicht selten zu kleinen Kunstwerken entwickelten. Komponisten und musizierende Künstler notierten Motive, Liedanfänge, Kanons, Kadenzen oder sogar kürzere Kompositionen in die Stammbücher, deren Besitzern sie damit ihre besondere Wertschätzung bezeugten. Robert Schumann besaß nicht nur ein mit seiner Frau Clara nach der Heirat im Jahr 1840 gemeinsam geführtes Stammbuch, sondern hinterließ auch selbst Eintragungen in diversen Stammbüchern seiner Zeitgenossen. Darüber hinaus komponierte er eine Vielzahl "Albumblatt" genannter Klavierstücke, die er in unterschiedlichen Zusammenhängen veröffentlichte.

In Schumanns gesamtem Euvre gibt es wohl keine andere Werkgruppe, die derart deutliche Rückschlüsse auf Lebensumstände sowie Schaffensweise des Komponisten selbst und zugleich auch auf zeit- und kulturgeschichtliche Aspekte im allgemeinen gestattet. Da, vom populären Album für die Jugend (op. 68) einmal abgesehen, Schumanns gedruckte Sammlungen dieser Art bisher nicht ausreichend betrachtet wurden, füllt der vorliegende Band alleine schon durch seinen Schwerpunkt eine empfindliche Lücke im Schrifttum. Besonders erfreulich ist außerdem, dass die bisher eher vernachlässigten, kompositions- und schaffensgeschichtlich jedoch so aufschlussreichen Sammlungen Bunte Blätter (op. 99) und Albumblätter (op. 124) in die Überlegungen einbezogen werden.

Nach einer informativen und historisch überzeugend belegten Einführung zum Thema "Album und Albumblatt" von Matthias Kruse betrachtet Ute Jung-Kaiser im wohl umfangreichsten Kapitel des Buches Schumanns Jugendalbum op. 68. Neben dem pädagogischen Konzept und den didaktischen Bemühungen der dort zusammengestellten Stücke, widmet sich Jung-Kaiser deren detaillierter Betrachtung. Ausführlich stellt sie die einzelnen Stücke vor, von den verschiedensten Ansätzen ausgehend, ohne jedoch in komplizierte analytische Exkurse zu verfallen. Abschließend verweist Jung-Kaiser auf die bildnerische Interpretation der Musikstücke durch Ludwig Richters Titelblattillustrationen und eröffnet auch hier überraschende Perspektiven in bekannten Gefilden.
Mit Schumanns Liederalbum für die Jugend op. 79 beschäftigen sich -- aufgeteilt in drei Segmente -- Friedhelm Brusniak ("Kinderlieder"), Peter Jost ("Jugendlieder") und Ute Jung-Kaiser ("Ein Lied für Erwachsene"). Eingehend werden die einzelnen Lieder musikimmanent sowie ihrem pädagogischen Aspekt nach untersucht und auf intelligente Weise in den gesamten Kontext ihres zeitlichen Umfelds eingebettet. Zuvor sichtet Krischan Schulte unter literaturwissenschaftlichem Aspekt die zugehörigen Textquellen, was gerade bei Schumann zu erhellenden Resultaten führt. Insbesondere dort, wo er sich in seinen Vertonungen auf unbekannte Textdichter bezieht oder irreführende Quellenangaben macht ("Fliegendes Blatt", "Des Knaben Wunderhorn" etc.), kann Schulte durch seine Forschungen in fast allen Fällen die Textbasis konkret angeben.

Mit der höchst verwickelten Entstehungsgeschichte der in Schumanns op. 99 und op. 124 zusammengestellten insgesamt 34 Klavierstückchen setzt sich Joachim Draheim auseinander. Gerade in diesen bisher wenig untersuchten, heterogenen und aus den verschiedensten Bereichen nachträglich von Schumann zusammengestellten Sammlungen berühren sich beinahe sämtliche Schaffensphasen des Komponisten. Mithin sind auch einige seiner übrigen Opera betroffen, in deren Umfeld die Stücke ursprünglich entstanden waren. Besonders diesen Phänomenen geht Draheim detailliert nach und verschafft dem Leser somit nicht zuletzt Einblicke in Schumanns Werkstatt.

Eine Auflistung sämtlicher zugänglicher Albumblätter, die Schumann (wie fast alle Komponisten seiner Generation) immer wieder hat schreiben müssen, gefolgt von einem umfangreichen Bildanhang, der zahlreiche Albumblätter des Künstlerehepaars und seiner Freunde abbildet, machen das Buch zu einem ebenso wertvollen wie übersichtlichem Nachschlagewerk. In seinem äußeren Erscheinungsbild ist der Band mit größter Sorgfalt ansprechend gestaltet. Die Fülle der Illustrationen auch innerhalb der Textbeiträge sowie faksimilierte und sachkundig dokumentierte Titelvignetten, Briefausschnitte und ähnlich anschauliches Material (darunter einige Erstveröffentlichungen) runden das Bild sinnvoll ab und vereinen in ihrer Aussagekraft die äußere Gestaltung mit dem inhaltlichen Reichtum der einzelnen Aufsätze.

Diese Besprechung wurde veröffentlicht in Die Tonkunst Magazin für Klassische Musik und Musikwissenschaft, Heft Nr. 4 / Oktober 2007.

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