Musikkonzepte Sonderband XI. Der späte Schumann.

Musik-Konzepte Neue Folge.
Sonderband XI. Der späte Schumann.
Hrsg. von Ulrich Tadday.

München: edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, 2006
ISBN: 3-88377-842-7

Im Rahmen des Schumann Jubiläumsjahres 2006 widmete Ulrich Tadday ein internationales musikwissenschaftliches Symposium in Bremen dem Thema "Robert Schumann: Das Spätwerk". Die Ergebnisse sind nun in einem Sonderband der Reihe Musik-Konzepte veröffentlicht. Obwohl seit Mitte der 1980er Jahre zahlreiche Forschungsbeiträge zu Schumanns späten Werken erschienen sind, dadurch veranlasst weitere Untersuchungen vorgenommen und gedruckt wurden, sich auch bei Kongressen immer wieder diesem Bereich gestellt wird, bleibt diese Thematik dennoch nach wie vor ein Stiefkind. Naturgemäß wirft es immer gewisse Probleme auf, bei einem jung verstorbenen Komponisten den Terminus "`Spätwerk"' zu verwenden. Darüber hinaus wurde in diesem speziellen Falle den betreffenden Werken unmittelbar nach Schumanns Tod das Diktum der Geisteskrankheit auferlegt, das sich über viele Jahrzehnte hinweg beständig hielt. Nun werfen die Beiträge des vorliegenden Sonderbandes erneut eine differenzierte Sicht auf Schumanns Leben und Werk, basierend auf der editionsphilologischen Grundlage der Neuen Gesamtausgabe in Gestalt von Analysen und Interpretationen. Musikästhetische und -historische Aufsätze, die z.T. Bezüge zu anderen Komponisten des 19. Jahrhunderts, aber auch der Gegenwart herstellen, runden den Band ab.

Dem Phänomen des Jahres 1848, in dem verstärkt eine li\-te\-rarisch-philosophisch begründete Kritik an der Romantik einsetzt, geht der Herausgeber Ulrich Tadday nach. Unter dem Titel "Abschied von der Romantik" stellt er dar, wie diese allgemeine Romantik-Kritik zunehmend auf Schumanns Spätwerk übertragen wurde, wobei Krankheit und früher Tod passend eingebunden und zu einem bis heute währenden Vorurteil aufgebaut werden konnten. Den gedanklichen Wandel in der Beurteilung des schumannschen Spätwerks betrachtet Dagmar Hoffman-Axt\-helm nicht nur aus musikwissenschaftlicher, sondern vor allem aus Sicht der praktizierenden Psychotherapeutin. Ging man früher davon aus, dass Schumanns in Schüben verlaufende psychische Erkrankung qualitativ nachteilig seine Kompositionen beeinflusste, sieht die jüngere Forschung in den Werken der letzten Jahre eher den Ausdruck eines innovativen, spätere Entwicklungen vorausahnenden Geistes.

Zu Schumanns Einstellung gegenüber der "neudeutschen" Musikästhetik liefert Martin Geck einen Diskurs, indem er konkret auf eine Kontroverse zwischen Schumann und seinem ehemaligen Schüler und Librettisten Richard Pohl eingeht. Letzterer hatte sich der Ästhetik der "Neudeutschen" angeschlossen und heftige Kritik an Schumanns spätem Schaffen geäußert. Wenngleich sich auch aus Schumanns Äußerungen keine direkte Opernästhetik herleiten lässt, so bietet doch seine einzige Oper Genoveva durch die praktische Umsetzung genügend Anhalt für fundamentale Konzepte. Im Vergleich dieser Oper mit Wagners Lohengrin findet Peter Jost nicht nur Kontraste, sondern auch gestalterische Gemeinsamkeiten oder zumindest Ähnlichkeiten.

Hubert Moßburger vergleicht "frühe und späte Phantasien" Schumanns mit dem Ergebnis, dass dessen kompositorische Fantasie keineswegs im Spätwerk nachgelassen hat. Darüber hinaus wirft die Studie ein erhellendes Licht auf den Gattungsbegriff "Phantasiestück". Ebenfalls großen Einfluss auf Schumanns späte Kompositionen nimmt die klassische Vokalpolyphonie aus der vorbachischen Zeit. Bernhard R. Appel geht diesem Aspekt nach, der letztlich die Hinwendung Schumanns zur geistlichen Musik auslöste. Den "Satzanschlüssen beim (nicht nur) späten Schumann" nähert sich Reinhard Kapp gleich auf mehreren Ebenen und beobachtet eine starke Tendenz zur Vereinheitlichung mehrsätziger Zyklen, wobei Schumann ebenso subtile wie virtuose Techniken entwickelt.

Die verwickelte Entstehungs- und Druckgeschichte von Schumanns Klaviersammlungen op. 99 und op. 124 erläutert Irmgard Knechtges-Obrecht. Gerade in diesem charakteristischen Bereich berühren sich das so genannte Früh- und Spätwerk derart, dass für Schumanns letzte Jahre typische Aspekte aufgedeckt werden. Während Ute Bär aus philologischer Sicht "Probleme bei der Edition von Schumanns Konzertallegro op. 134" betrachtet, widmet sich Michael Struck dem Thema "Schumann spielen". Er liefert Anmerkungen zur Wiedergabe der Kinderszenen op. 15 unter besonderer Berücksichtigung der Metronomzahlen sowie der Gesänge der Frühe op. 133. Die interessante Sammlung Sechs Gesänge op. 107 und ihre Bearbeitung für Sopran und Streichquartett von Aribert Reimann untersucht Ulrich Mahlert und schafft einen aktualisierten Zugang zu diesem sperrigen Werk. Einem ganz anderen, aber wesentlichen Gebiet des schumannschen Schaffens geht Gerd Nauhaus nach. "Schumanns späte literarische Arbeiten" stehen im Zentrum seiner Betrachtungen, die jene bemerkenswerte "Rückkehr zum Wort" an Schumanns Lebensende erläutern.

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