Welten zwischen C-Dur und h-Moll

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.09.2006, Nr. 38, S. 73
Wissenschaft

Schumann, der Intuitionist

Im Februar 1835 beschäftigte sich Robert Schumann in der von ihm gegründeten Neuen Zeitschrift für Musik mit der Frage des Tonartencharakters. Dabei macht er gleich zu Beginn deutlich, daß er von extremen Ansichten zu diesem Thema nichts hält. Weder könne man einer bestimmten Empfindung eindeutig eine Tonart zuweisen ("z. B. wenn man theoretisch beföhle, rechter Ingrimm verlange Cis moll"), noch lasse sich jedes Gefühl in jeder Tonart gleichermaßen ausdrücken.

Richtig lustig macht sich Schumann über die konkrete Tonartencharakteristik, die Christian Daniel Schubart 1806 in seinen "Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst" veröffentlichte. So nenne dieser dort "E moll ein weiß gekleidetes Mädchen mit einer Rosaschleife am Busen" und in G moll finde Schubart "Mißvergnügen, Unbehaglichkeit, Zerren an einem unglücklichen Plan, mißmuthiges Nagen am Gebiß". Schumann erkennt an, daß verschiedene Tonarten unterschiedliche Empfindungen ausdrücken können; die Wahl der zum Gefühl passenden Tonart geschehe aber unbewußt: "Der Proceß, welcher den Tondichter diese oder jene Grundtonart zur Aussprache seiner Empfindungen wählen läßt, ist unerklärbar, wie der schaffende Genius selbst, der mit dem Gedanken zugleich die Form, das Gefäß gibt, das jenen sicher einschließt." 

Die Tonartenwahl ist also Teil der künstlerischen Intuition. Davon ausgenommen ist die Dichotomie von Dur und Moll: "Der Unterschied zwischen Dur und Moll muß vorweg zugegeben werden. Jenes ist das handelnde, männliche Princip, dieses das leidende, weibliche." Ob es darüber hinaus feststehende Tonartencharaktere gibt, möchte Schumann mangels statistischer Basis vorerst unbeantwortet lassen: "Sollten sich aber wirklich in den verschiedenen Epochen gewisse Stereotyp-Charaktere der Tonarten ausgebildet haben, so müßte man in derselben Tonart gesetzte, als classisch geschätzte Meisterwerke zusammenstellen und die vorherrschende Stimmung untereinander vergleichen; dazu fehlt natürlich hier der Raum."

In Schumanns Werk finden sich freilich Stücke, die auf solche Stereotype Bezug nehmen: Für das "Jägerliedchen" aus dem "Album für die Jugend" wählte er F-Dur, die Hörnertonart, und assoziiert damit auf dem Klavier Jagdhörnerklang. Beim "Kriegslied" aus demselben Zyklus entschied er sich für D-Dur, die Trompetentonart. Schumann weiß also solche Klischees zu nutzen. In seinem Aufsatz stellt er schließlich noch eine Faustregel auf: "Einfachere Empfindungen haben einfachere Tonarten; zusammengesetzte bewegen sich lieber in fremden, welche das Ohr seltener gehört. Man könnte daher im ineinanderlaufenden Quintenzirkel das Steigen und Fallen am besten sehen.

Der sogenannte Tritonus, die Mitte der Octave zur Octave, also Fis, scheint der höchste Punct, die Spitze zu sein, die dann in den B-Tonarten wieder zu dem einfachen, ungeschminkten C-Dur herabsinkt." Entfernte Tonarten für komplexe Empfindungen mit der Wahl des seltenen gis-Moll für das Stückchen "Fast zu ernst" aus den "Kinderszenen" hat Schumann das Exempel für seine These geliefert.

miga