Schnitterliedchen

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.2005, Nr. 125, S. 42, Feuilleton


Das Schumann-Haus in Zwickau sollte enthauptet werden, wurde gerettet und fürchtet nun um die Zukunft / Von Michael Gassmann

Wer wissen will, wie es um Zwickau steht, muß sich die Pflasterung der
Inneren Plauenschen Straße in der Fußgängerzone anschauen. Dort liegen
überwiegend marode weiße Platten - doch hier und dort gibt es Inseln
schöner Pflastersteine. Immer wenn eine der Platten bricht, wird sie durch
ein paar neue Steine ersetzt. So hofft man wohl, irgendwann einmal die
ganze Straße erneuert zu haben. Mehr ist nicht drin. Zwickau ist pleite. Jedes Jahr erwirtschaftet die viertgrößte sächsische Stadt, die derzeit hunderttausend Einwohner hat, ein Defizit von zehn Millionen Euro. Der Personalhaushalt, der derzeit noch sechzig Millionen Euro beträgt, muß bis 2008 auf fünfundvierzig Millionen abgeschmolzen werden: eine unerfreuliche Aufgabe.

Trotzdem könnte die Zukunft düsterer aussehen. Zwickau ist malerisch, und rund um den Dom Sankt Marien, ein Meisterwerk der Spätgotik mit reicher Bauplastik und unversehrter Innenausstattung, herrscht tagsüber reges Treiben. Cafés und Restaurants findet man fast schon im Überfluß. Dies ist keine verödete Innenstadt, auch wenn es Problemzonen geben mag. Die Autoindustrie, die hier auf eine lange Geschichte zurückblickt, hat nach der Wende den Standort gerettet. Die Arbeitslosigkeit ist zwar hoch, aber es gibt Gegenden, die es noch schlimmer getroffen hat. Außerdem hat die Westsächsische Hochschule in Zwickau ihren Sitz, der Anteil der jungen Leute im Straßenbild ist hoch.

Am 8. Juni 1810 kam Robert Schumann als jüngstes von fünf Kindern in Zwickau zur Welt. Sein Vater August war Verlagsbuchhändler, durch ihn erhielt der Sohn Zugang zur Literatur, durch den Marienorganisten Kuntsch seinen ersten musikalischen Unterricht. Am Gymnasium gründete Robert Schumann bereits einen literarischen Verein, seine ersten Kompositionen entstanden hier: 1822 verfaßte er eine Vertonung des 150. Psalms für Sopran, Alt, Klavier und Orchester, gedacht zur Aufführung durch Mitschüler und ihn selbst. Für den Zwickauer Freundeskreis entstand auch eine "Ouverture et Chor" - ein merkwürdiges Ensemble aus langem Orchestervorspiel und kurzem Chorsatz über den Text "Wie reizend ist der schöne Morgen". Schon in diesen frühen Jahren bildeten sich der gleichsam "private" Charakter der Schumannschen Kunst heraus und die Liebe zur beziehungsreichen Anspielung. Erst mit achtzehn Jahren verließ Schumann seine Geburtsstadt, um in Leipzig mit dem Jura-Studium zu beginnen, das, wie man weiß, von Anfang an gegen die in Zwickau erfolgte Infektion mit Literatur und Musik keine Chance hatte.

Gewiß kehrte Schumann später gelegentlich in seine Geburtsstadt zurück, zuletzt 1847, als man ihm zu Ehren dort ein großes Fest veranstaltete. Bis heute ist der "größte Sohn" der Stadt, die sich seit 1993 "Robert-Schumann-Stadt" nennt, hier allgegenwärtig. Man hat selbstredend ein Schumann-Denkmal, führt die städtische Musikschule als "Robert-Schumann-Konservatorium" und bietet im Café "Schumann-Träume" an. Diesem identitätsstiftenden Schumann-Treiben fehlte freilich der ruhende Pol, gäbe es nicht das Robert-Schumann-Haus.

Bereits 1910 wurde es durch Martin Kreisig begründet. Als Geburtshaus des Komponisten am Hauptmarkt sieht es heute zwar altehrwürdig aus, ist es aber nicht. 1955 überschwemmte ein verheerendes Hochwasser die Altstadt. Das schwer in Mitleidenschaft gezogene Gebäude, das um 1500 erbaut worden war, aber infolge zahlloser Umbauten nicht mehr allzuviel Ähnlichkeit mit dem Gebäude um 1810 gehabt haben soll, riß man noch im selben Jahre ab. Das Äußere wurde rekonstruiert nach dem Aussehen zu Schumanns Zeiten. Das Innere gestaltete man zu einem Museum um, mit Konzertsaal, großzügigem Foyer und schwungvollem Treppenhaus im Erdgeschoß, einer Flucht schöner Ausstellungssäle und einigen Dachgeschoß. Im Juni 1956 wurde das Robert-Schumann-Haus als eine "Nationale Gedenkstätte" wiedereröffnet.

Der Ruf dieses Instituts beruht primär auf seiner umfangreichen Sammlung. Gründungsdirektor Kreisig legte in langjähriger Sammeltätigkeit auch den Grundstein zu den Archivbeständen: Als 1910 zu Schumanns hundertstem Geburtstag in Zwickau eine Gedenkausstellung stattfand, gelang es Kreisig unter Mithilfe des Musikwissenschaftlers Max Friedländer, wichtige Stücke aus dieser Schau für das neue Museum zu erwerben. Wesentliche Teile des Schumann-Archivs wurden in den Jahren 1910 bis 1920 gesammelt. In den zwanziger Jahren verschenkte und verkaufte die älteste Schumann-Tochter Marie den literarischen Nachlaß ihres Vaters an das Schumann-Haus, in den Dreißigern vermachte die jüngste Tochter, Eugenie, dem Institut weitere Autographe, darunter das "Album für die Jugend". Um 1940 war die Sammeltätigkeit vorerst abgeschlossen, während des Kriegs und der Zeit der DDR-Diktatur konnte die Kollektion nicht erweitert werden. Erst seit 1992 kommen wieder gelegentlich Neuerwerbungen vor.

Etwa zehntausend Autographe werden heute im Archiv des Schumann-Hauses aufbewahrt, etwa die Hälfte davon stammt von Robert und Clara Schumann und aus ihrem Umfeld. Die Briefe und Tagebücher Roberts und Claras liegen hier, etwa hundertzwanzig Notenautographe von Clara und wichtige Stücke in Roberts Hand: die Skizzen zu "Genoveva", die Klavierfugen op. 72, die Studien und Skizzen für den Pedalflügel, Skizzenmaterial zum Konzertstück für vier Hörner, der erste bis dritte Satz des "Faschingsschwanks". Bedeutende Schumann-Bestände befinden sich auch in Bonn, Düsseldorf und Berlin. Doch Zwickau beherbergt, alles in allem, die größte geschlossene Schumann-Sammlung überhaupt. Daß so viele andere Handschriften ebenfalls Eingang ins Archiv gefunden haben, liegt wohl an der Sammelleidenschaft Kreisigs, der nebenbei allerhand Mateerial zur Musikgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts erwarb.

Diese verdienstvolle Institution ist unlängst ins Gerede gekommen. Während sich das Bach-Archiv in Leipzig und das Händel-Haus in Halle jeweils über mehr als dreißig Mitarbeiter freuen können, krebst das Zwickauer Institut derzeit mit nur noch sechs dahin. Früher waren es dreimal so viele. Nun sieht sich die Stadt Zwickau nicht in der Lage, die Stelle des scheidenden Direktors Gerd Nauhaus neu zu besetzen. Diese Stelle gilt zwar nicht als gestrichen, aber sie wäre auf unbestimmte Zeit vakant geblieben - eine Katastrophe für das Schumann-Haus. Nauhaus, ein angesehener Schumann-Forscher, ist überhaupt der letzte Wissenschaftler im Hause, sieht man von einer "Außenmitarbeiterin" der Düsseldorfer Schumann-Gesamtausgabe ab. Der Musterstellenplan, den Nauhaus noch entwickelt hat, sieht insgesamt elf Mitarbeiter vor, doch findet man damit zur Zeit bei der Stadt kein Gehör. Schließlich leidet das Schumann-Haus darunter, daß es ausschließlich von der Stadt und dem sie umgebenden "Kulturraum" finanziert wird, während die vergleichbaren Bach- und Händel-Stätten in Leipzig und Halle auch von Bund und Land Gelder erhalten. Sie gelten gemäß dem "Blaubuch" der Staatsministerin für Kultur als "Leuchttürme", das Zwickauer Institut nur als ein "kultureller Gedächtnisort".

Aus der Sicht der Zwickauer Kulturbürgermeisterin Pia Findeiß stellt sich der Abschied von Nauhaus Ende Juli zunächst als finanzielles Problem dar: Der Direktor wechselt in die Altersteilzeit, kostet also weiter Geld. Das Vorruhestandsmodell, das zum Geldsparen gedacht war, käme, besetzte man die Stelle neu, die Stadt teuer zu stehen. Frau Findeiß sieht sich in der Verantwortung für ihr Gesamtressort, zu dem auch Gesundheit und Soziales gehören. Gleichwohl mutet die Idee, ausgerechnet die international bekannteste Einrichtung Zwickaus zu enthaupten, mindestens kurzsichtig an.

Der Sturm der Entrüstung folgte auf dem Fuße, erhob sich nicht nur in der internationalen Wissenschaftler-Gemeinde, sondern auch im Stadtrat. Findeiß ruderte zurück, die Stelle wurde wieder ausgeschrieben, sie soll nun zum 1. August doch besetzt werden. Doch den künftigen Stelleninhaber erwartet eine heikle Aufgabe: Der Ankaufsetat, der im letzten Jahr noch zehntausend Euro betrug, wurde komplett gestrichen. Der für Konzerte zur Verfügung stehende Geldbetrag ist so gering, daß die Fahrt- und Hotelkosten der Künstler von der Zwickauer Schumann-Gesellschaft aufgebracht werden müssen. Auch mußte der große Plan einer Schumann-Briefedition wieder aufgegeben werden, nachdem eine Anschubfinanzierung der VW-Stiftung aufgebraucht war, und die früher regelmäßig stattfindenden wissenschaftlichen Arbeitstagungen zur Schumann-Forschung konnten seit 1998 aus Geldmangel nicht mehr durchgeführt werden. Andererseits gibt es immer noch den Robert-Schumann-Wettbewerb für Klavier und Gesang, der alle vier Jahre abgehalten wird, zuletzt im vergangenen Jahr. Auch in diesem Jahr finden die Zwickauer Musiktage unter dem Motto "Ein Fest für Robert Schumann" statt; immerhin bieten sie Bachs Johannespassion in der selten aufgeführten Fassung Schumanns.

Im Zuge der Auseinandersetzungen um die Wiederbesetzung der Direktorenstelle hatten sich die üblichen Fronten gebildet: Hier die Politik, die sich vom Schumann-Haus mehr Außenwirkung und eine bessere Einbindung ins Stadt-Marketing wünscht - dort die Wissenschaft, die sich ob solch prosaischer Anliegen gebührend mokiert. Dabei konkurrieren Wissenschaft und Wirkung nicht miteinander, sie ergänzen sich vielmehr. Der introvertierte Gelehrte Nauhaus sagt zwar freimütig von sich selbst, er verstehe nicht viel von Geld. Daß man aber die geforderte Außenwirkung mit einem Werbeetat erzielen soll, der in diesem Jahr gerade für ein einziges Faltblatt reicht, empört auch ihn.

Pia Findeiß hingegen ärgert, daß man Versuche, für bestimmte Projekte des Museums Sponsoren zu finden, nach einem gescheiterten Versuch bereits frustriert aufgab, und sie findet, das Schumann-Haus könne ruhig einmal von sich aus auf die Schulen der Stadt zugehen, anstatt auf deren Besuch zu hoffen. Nicht ohne Sarkasmus fügt sie hinzu, der Streit um den Direktorenposten habe dem Schumann-Haus immerhin Aufmerksamkeit beschert. Daß die Stadt von einer Einrichtung, die sie finanziert, auch Engagement in der und für die Stadt erwartet, ist nicht mehr als recht und billig. Ganz ohne Etat wird das freilich nicht funktionieren. Das gilt für die Forschung ebenso wie für die Aufgaben, die das Schumann-Haus in der Stadt und überregional erfüllen soll.

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