Frauen mit Flügeln

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.05.2006, Nr. 18, S. 25
Feuilleton


Gabriela Montero, Hélène Grimaud: Endlich setzen die Pianistinnen sich durch gegen die Männer am Klavier

Sie waren um acht Uhr verabredet, nach der Probe. Aber wenn Martha Argerich probt, bleibt die Zeit stehen, und die junge Pianistin aus Venezuela mußte warten. Um zehn Uhr trank sie das erste Bier.

Eigentlich hatte Gabriela Montero die Klavierkarriere sowieso schon an den Nagel gehängt. Damals, als ihre alte Lehrerin nicht wollte, daß sie improvisierte, aus Bach einen Boogie, aus Rachmaninow einen Reggae und aus Chopin einen Cha-Cha-Cha machte. Musik sei eine ernsthafte Sache, sagte die Klavierlehrerin - und das gelte besonders für Frauen. Die hätten es schwerer. Die müßten genauer arbeiten. Die dürften keine Flausen im Kopf haben. Da hatte Montero keine Lust mehr auf Bach, Rachmaninow und Chopin.

Aber an diesem lauen Sommerabend im schweizerischen Lugano wollte sie es noch einmal wissen, und so wartete sie weiter, trank noch ein Bier und dann noch eines, und irgendwann war es halb zwei. Gabriela Montero war angetrunken und Martha Argerich endlich fertig mit ihren Proben.

Die Argentinierin Martha Argerich ist eine Mama der Musik. 1957, mit sechzehn Jahren, gewann sie die Klavierwettbewerbe in Genf und Bozen, später den ersten Preis beim Chopin-Wettbewerb in Warschau. "Als ich anfing, haben Frauen am Cello noch in ,Damenposition' gespielt, weil es sich nicht gehörte, die Beine zu spreizen." Sie wollte sich aber damals spreizen, gegen alle Rollenklischees. Gelungen ist ihr das erst nach einer Lebenskrise. So wie Gabriela Montero zog sich Argerich mit zwanzig Jahren aus der Öffentlichkeit zurück. Danach hat sie die Geschlechterrolle einfach ignoriert, sich nicht mehr allein um die musikalische Frauenliteratur von Bach über Chopin bis Schumann gekümmert, sondern auch das Männerrepertoire von Brahms, Beethoven und Bartók attackiert. Sie wollte einfach nur Musik machen. Und deshalb spielte sie weiter.

Es lebe die Freiheit!

Martha Argerich hat drei Töchter von drei unterschiedlichen Männern, wurde von ihrem Lehrer und Mentor Friedrich Gulda gern mit dem Satz begrüßt: "No, mit wem schlafst denn jetzt wieder?" Solche Geschmacklosigkeiten überhörte sie, weil sie von Gulda etwas Wichtigeres bekam: die Anerkennung als Musikerin. Argerich wurde unabhängig und kompromißlos. Die Musik machte sie frei. Und bis heute kämpft sie für die Freiheit in der Musik, wettert gegen die Klassikwerbung und hält die guten alten Klassikwerte dagegen. Sie hat für ihre Karriere gekämpft - und um ihr Leben. Argerich hat den Krebs besiegt, das Rauchen aufgegeben. Sie hat nichts mehr zu verlieren.

Öffentlich kritisiert sie die Karrieren von Show-Pianisten wie Lang Lang und sorgt sich, daß die Augen die Ohren beim Hören ablösen: "Wissen Sie", sagt die Grande Dame, "mich irritieren die Erfolge einiger weniger begabter Klavierspieler, während andere, gute, nicht genug Konzerte bekommen, um zu überleben." Deshalb hat sie in Lugano das "Progetto Martha Argerich" gegründet, eine Bastion, abgeschieden von der öffentlichen Meinung. Hier spielen Stars wie der Cellist Mischa Maisky und der Pianist Piotr Anderszewski in Jeans, hier klopfen frustrierte No-Names in der Hoffnung auf Absolution an die Tür. Und wer bei Mama Martha anklopft, wird eingelassen, wenn er es ernst meint mit der Musik.

Als Martha Argerich die junge Klavierspielerin aus Venezuela empfing, hatte die ihren Beethoven, Bach und Brahms längst vergessen. "Ich war schon ziemlich angeschickert", erinnert sich Gabriela Montero, "und ich habe mich an das Klavier gesetzt und gemacht, was mir immer verboten war: improvisiert." Sie griff in die Tasten und machte sich ein bißchen lustig über den Stil der Ikone Argerich. Der gefiel das. Einige Tage später schwärmte sie der Plattenfirma EMI vor, daß sie ein neues Talent entdeckt habe, und Montero nahm sofort eine Doppel-CD auf: klassisches Repertoire auf der einen Platte, Improvisationen auf der anderen.

Wenn Männer Klavier spielen, wird die Konzerthalle zur Kanzel. Da werden Glaubensbekenntnisse abgelegt, Exegesen formuliert, und die Welt wird neu erfunden. Wenn Frauen den Konzertsaal betreten, bleibt er meist ein bürgerlicher Salon. Ein Raum, in dem es um die Musik als Selbstzweck geht. Amerikas Außenministerin Condoleezza Rice hat sich gegen eine Klavierkarriere entschieden. Sie wollte die Welt verändern und ging in die Politik. Aber wenn sie über die Welt nachdenken will, setzt sie sich noch immer an den Flügel und macht Hausmusik.

Im 19. Jahrhundert war das Klavier noch braun, stand auf zart gedrechselten Beinen, und meist saß hinter ihm eine Frau. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wuchs der Flügel zum schwarzen Monstrum. Bösendorfer nannte sein Konzertinstrument "Imperial". Klavierkonzerte wurden zu kommerziellen Schlachtfeldern über die Deutungshoheit der Welt - und Frauen schienen dafür sowenig geeignet wie fürs Verstehen der Abseitsregel.

Während die Patriarchen Friedrich Gulda, Glenn Gould und Wladimir Horowitz noch Meister der Aussage waren, haben die Männer am Klavier heute weniger zu behaupten. Die Chinesen Lang Lang oder Yundi Li werden hauptsächlich wegen ihrer exzentrischen Gesten gefeiert, Martin Stadtfeld dafür, daß er sich als Glenn-Gould-Imitation im Boss-Anzug produziert. Männer benehmen sich im Konzertsaal, wie sie es im letzten Jahrhundert von den Frauen erwartet haben: als sexuell aufgeladene Hintergrundmusiker. Sie sind zu Mainstream-Musikern geworden, zu Sex-Symbolen. Und da müssen sie auch wieder die Frauen neben sich dulden.

Das unmusikalische Geschlecht

Während Martha Argerich eine Pianistin wie Gabriela Montero aus Überzeugung fördert, wird die Venezolanerin in der öffentlichen Kritik gern auf ihre weiblichen Unterhaltungsqualitäten reduziert. Daß sie am Ende ihrer Programme improvisiert, das Publikum um eine Melodie bittet, die sie im Stil von Bach, Brahms oder Boogie verwandelt, scheint spektakulärer zu sein als ihr abgeklärter Umgang mit Chopin.

Ähnlich ist das bei ihrer Klavierkollegin Hélène Grimaud. Daß die Französin eine Wolfsfarm in Amerika leitet und nicht wirklich häßlich ist, scheint wichtiger als ihr moderner und absolut antieffekthascherischer Umgang mit den Standardwerken der Klavierklassik. Und wenn es bei Frauen dann doch einmal um musikalische Qualitäten geht, reicht oft der lapidare Satz: "Sie spielt wie ein Kerl." Das ist als Lob gemeint und soll bedeuten: sie spielt hart, kraftvoll und durchdacht.

Qualitäten, die der Pianist Anton Rubinstein dem anderen Geschlecht 1890 noch nicht zutraute: "Zum musikalischen Schaffen fehlt ihnen die Vertiefung, die Konzentration, die Denkkraft, die Weite der Gefühlshorizonte, die Freiheit des Strichs. Rätselhaft ist es, daß gerade die Musik - das Edelste, Schönste, Feinste, Seelischste, Herzlichste, was des Menschen Geist geschaffen, der Frau, die ja doch aus allen diesen Eigenschaften zusammengesetzt ist, so unerreichbar ist."

In Wirklichkeit sind Anschlag, Aufbau und Logik gleich. Den musikalischen Unterschied macht allein die Phantasie des Publikums.

Es war eine Frau, die das Klavierspiel modernisierte. Clara Schumann machte Schluß mit dem Virtuosentum und der exzentrischen Selbstdarstellung des frühen 19. Jahrhunderts, konzentrierte sich wieder auf musikalische Inhalte und verstand sich als Dienerin der Komposition. In sechzehn Ehejahren schenkte sie ihrem Mann Robert acht Kinder, hatte zwei Fehlgeburten, und wenn sie öffentlich auftreten wollte, mußte sie mit dem Zorn ihres Mannes rechnen. Erst als Robert Schumann wahnsinnig wurde, befreite sich Clara, intensivierte ihre Beziehung zu Brahms und kehrte erfolgreich zurück auf die Konzertpodien. Sie war eine Piano-Pionierin. Eine Martha Argerich ihrer Zeit, bildete Schülerinnen wie Mathilde Verne, Adelina de Lara und Fanny Davies aus und beflügelte die Frauen am Klavier. Clara Schumann zeigte der Männerwelt, wie gut weibliche Netzwerke funktionieren. Und sie definierte, was weibliches Klavierspiel wirklich war, indem sie die Herren attackierte. Rubinstein warf sie "ein unsinniges Gepauke oder Verschiebungsgeflüster" vor und Liszt den Verfall des Klavierspiels. Sie mochte sein virtuoses Geklimper nicht und polemisierte: "Vor Liszt wurde gespielt, nach Liszt gehauen und gesäuselt."

In ihrem letzten Album hat sich Hélène Grimaud die Werke des Dreigestirns Robert und Clara Schumann sowie Brahms vorgenommen; hier, glaubt sie, herrsche "das ewige Spannungsfeld von Liebe, Tod und Transzendenz".

Hélène Grimaud ist mit ihrem sachlichen und geerdeten Klang eine Erbin Clara Schumanns. Sie ignoriert den Wechsel vom Salon zum Konzertpodium, vom feinbeinigen Wohnzimmerinstrument zum schwarzen Monstrum. Dafür wird sie oft kritisiert. Für sie ist das Klavierspiel keine Produktion des Ichs, sondern ein Akt der Intimität. Die Öffentlichkeit hat sie längst hinter sich gelassen. So wie Gabriela Montero, als sie ihre Klavierkarriere aufgegeben hatte, nach einem neuen Sinn in der Musik suchte und in Lugano bei Martha Argerich anklopfte.

Grimaud hat mit ihrem neuesten Buch, "Leçons Particulières", das gerade in Frankreich erschienen ist, an die Tradition der literarischen Klavierspielerinnen angeknüpft. Amy Fay schrieb "Music Study in Germany", einen Bestseller; Mathilde Vernes "Chords of Remembrance" ist ein musikalischer Abenteuerroman. Und auch Grimauds Altersgenossin, die russische Komponistin und Klavierspielerin Lera Auerbach, schreibt. Die Frauen erreichen in der Literatur, was die Männer am Klavier versuchen: sie erklären die Welt. Grimauds Reisebericht zwischen New York, Hamburg und Paris, der nächstes Jahr auf deutsch erscheint, endet mit der Auflösung des Menschen im Klang, der für sie die wahrhaftigste Form der Liebe ist.

Das schwarze Monstrum

Gabriela Montero schreibt nicht, sie kommuniziert im Konzert, involviert das Publikum in ihre Improvisationen. Und damit knüpft auch sie an eine typisch weibliche Tradition an: Die Pianistin Amy Fay gründete 1890 in Chicago die "Piano Conversations", Mathilde Verne in London die "Thursday Twelve O'Clocks" - neue Formen der dialogischen Musik. Während des Bombenkriegs gegen England hat Myra Hess die "National Gallery Concerts" ins Leben gerufen und bis zu 2000 Zuhörer im leergeräumten Museum zum Musikhören versammelt. Nach Kriegsende wurde sie gefeuert.

Während Lang Lang, Yundi Li und Martin Stadtfeld sich auf den Konzertpodien als echte Kerle behaupten wollen, ist für Argerich, Montero und Grimaud das Klavierspiel noch immer im Salon zu Hause. Sie haben den Kampf der Geschlechter längst hinter sich gelassen, den Elfriede Jelinek in ihrem Roman "Die Klavierspielerin" noch mit aller emanzipatorischen Lust-, Leib- und Seele-Rhetorik ausgefochten hat. "Ihre Klauen kratzen an den Tasten", heißt es dort über die Pianistin, "ihre Füße scharren sinnlos und verlegen. Sie streicht und zupft vage an sich herum, der Mann macht die Frau nervös und beraubt sie ihres Haltes, der Musik."

Für Grimaud und Montero ist das Klavier kein Kampfplatz mehr. Sie spielen keine Weltanschauung vor wie die Männer und ringen nicht mehr um die Emanzipation wie Elfriede Jelinek. Sie haben sich im Schatten eingerichtet, genießen es, unterschätzt zu werden. Sie haben ihren Halt in der Musik längst gefunden. Und das scheint ihre einzige Botschaft. Sie sind Klavierspielerinnen, die etwas zu sagen haben. Beweisen müssen sie nichts mehr.

FABIAN BREMER

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